Trennung der Eltern in der Pubertät: Jugendliche gut begleiten
- Christian Asperger

- vor 2 Tagen
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In Österreich betrifft laut Statistik Austria rund jede dritte Scheidung Familien mit minderjährigen Kindern. Viele davon treffen Familien genau dann, wenn die Kinder sich mitten in der Pubertät befinden – einer Phase, die ohnehin schon alles auf den Kopf stellt. Identität, Autonomie, erste Beziehungen: Jugendliche haben bereits genug zu verarbeiten. Die Trennung der Eltern kommt dann nicht als zusätzlicher Stressor obendrauf – sie trifft ins Zentrum.
Denn Pubertät und Elterntrennung überlagern sich auf eine besondere Weise: Genau dann, wenn Jugendliche beginnen, sich vom Elternhaus zu lösen, brauchen sie dieses als stabilen Anker. Wenn dieser Anker gerade zerbricht, entsteht ein doppelter Entwicklungsschock. Dieser Artikel erklärt, was dahintersteckt, wie Jugendliche reagieren – und was Eltern konkret tun können.

Trennung der Eltern in der Pubertät – Das Wichtigste in Kürze
Pubertät und Elterntrennung überlagern sich: Jugendliche brauchen genau dann familiäre Stabilität, wenn sie sich gleichzeitig ablösen wollen.
Teenager verstehen mehr als jüngere Kinder – und fühlen sich deshalb stärker zerrissen, nicht weniger.
Die 'Ist-mir-egal'-Fassade ist fast immer Schutz, kein tatsächliches Desinteresse.
Loyalitätskonflikte entstehen nicht nur durch aktives Instrumentalisieren – auch unbewusstes elterliches Leid zieht Jugendliche in die Mitte.
Der trennende Elternteil braucht klare, entlastende Sprache: 'Das ist unser Konflikt, nicht deiner.'
Jugendliche dürfen in Umgangsregelungen einbezogen werden – aber nicht zur Entscheidung gezwungen.
Podcast - Warum Teenagern die Trennung nie egal ist
Inhalt
1. Wenn zwei Krisen gleichzeitig eintreten
Pubertät ist entwicklungspsychologisch die Phase der Identitätsfindung. Jugendliche testen Grenzen, stellen alles in Frage, suchen Abstand von den Eltern – und brauchen diese gleichzeitig als sicheren Rückhalt. Dieser scheinbare Widerspruch ist normal: Das Hin- und Herpendeln zwischen Ablösung und Anlehnung ist die Kernaufgabe dieser Lebensphase.
Wenn genau in diesem Moment die Eltern sich trennen, entsteht, was ich als doppelten Entwicklungsschock bezeichne: Der Jugendliche durchläuft seine eigene Ablösungskrise – und verliert gleichzeitig die Familienstruktur, die diesen Prozess erst ermöglicht. Der sichere Hafen, von dem aus man in die Welt aufbricht, bricht selbst weg.
Was Jugendliche in dieser Phase von jüngeren Kindern unterscheidet: Sie verstehen mehr. Sie können Ursachen einordnen, Konsequenzen abschätzen, Perspektiven wechseln. Das macht sie kognitiv resilienter und gleichzeitig emotional verletzlicher. Denn wer mehr versteht, trägt mehr. Scheidungskinder im Teenager-Alter fühlen sich oft stärker zerrissen als jüngere Kinder, nicht weniger.
Systemische Perspektive: Die Trennung verändert nicht nur die Familie – sie verändert die Herkunftsgeschichte des Jugendlichen. Wer bin ich, wenn die Familie, aus der ich komme, so nicht mehr existiert? Diese Frage überlagert sich mit der ohnehin schon laufenden Identitätssuche der Pubertät.
2. Wie Jugendliche auf die Trennung der Eltern reagieren
Die Reaktionen von Teenagern auf die Elterntrennung sind häufig überraschend für Eltern – entweder weil sie intensiver ausfallen als erwartet, oder weil sie ausbleiben. Beides ist bedeutsam.
Die 'Ist-mir-egal'-Fassade
Viele Jugendliche reagieren zunächst mit demonstrativer Gleichgültigkeit:
'Macht, was ihr wollt.'
Dieser Schutzreflex ist altersbedingt. Wer gerade lernt, stark zu sein und sich von den Eltern unabhängig zu zeigen, erlaubt sich nicht, verletzt zu wirken. Die Fassade schützt – und verbirgt, wie viel darunter liegt.
Wut, Rückzug und Überanpassung
Andere Jugendliche reagieren mit offenem Protest: Wut auf einen oder beide Elternteile, Schulverweigerung, Freundeskreis als Ersatzfamilie. Wieder andere passen sich über aus: Sie funktionieren perfekt, kümmern sich um den belasteten Elternteil, trauen sich nicht, eigene Gefühle zu zeigen. Überanpassung ist dabei die am häufigsten übersehene Reaktion – und eine der belastendsten.
Die Schuldübernahme
Jugendliche denken komplex genug, um sich zu fragen: Hätte ich etwas tun können? War ich zu schwierig? Haben sie sich meinetwegen zusammengehalten und ist es daran gescheitert? Diese Gedanken entstehen fast immer, werden aber selten ausgesprochen. Trennung verarbeiten Jugendliche schwerer, wenn diese Fragen unbeantwortet bleiben.

3. Loyalitätskonflikte: Das unsichtbare Dilemma
Loyalitätskonflikte entstehen, wenn Jugendliche das Gefühl haben, sich zwischen zwei Menschen entscheiden zu müssen, die beide lieben. Das muss niemand aktiv erzwingen. Manchmal reicht der Gesichtsausdruck eines Elternteils, wenn der Name des anderen fällt. Oder der demonstrativ unglückliche Vater beim Schultermin. Jugendliche lesen all das – und ziehen ihre Schlüsse.
In der Pubertät trifft dieser Konflikt besonders tief, weil er sich mit der Identitätsfrage vermischt: Wenn ich Mama’s Kind bin, bin ich dann noch Papa’s Kind? Wenn ich mich zur Mutter bekenne, verrate ich den Vater? Aus diesen Fragen entstehen Verhaltensweisen, die Eltern oft rätselhaft vorkommen: Das Kind, das den sündigen Papa plötzlich verteidigt. Die Jugendliche, die aufhört, von der neuen Wohnung zu schwärmen, sobald sie spürt, dass das den anderen Elternteil verletzt.
Fallbeispiel: Lena (13) – „Warum hast du aufgehört, wenn Papa noch bleiben wollte?“
Martina (43) und Stefan (50) trennen sich nach zwölf gemeinsamen Jahren. Die Trennung geht von Martina aus. Stefan akzeptiert das Ende nicht. Ihre dreizehnjährige Tochter Lena zeigt intensive Reaktionen: Sie weint, wird wütend, stellt Martina eine Frage, die viele Eltern in dieser Situation kennen:
'Warum hast du aufgehört, wenn Papa noch bleiben wollte?'
Hinter dieser Frage steckt kein Vorwurf – sondern ein klassischer Loyalitätskonflikt. Lena liebt beide Elternteile. Sie hat unbewusst verstanden, dass der Vater leidet – und fühlt sich zwischen Loyalität zu ihm und der Verbindung zur Mutter zerrissen. Stefan verstärkt die Dynamik unbewusst: Bei Schulterminen wirkt er demonstrativ traurig. Lena registriert das, spürt die implizite Schuld der Mutter – und beginnt, den Vater zu schützen.
Als die jüngere Tochter Mia (9) die neue Wohnung der Mutter lobt, weist Lena sie scharf zurecht. Der Moment zeigt, wie viel Lena bereits trägt: Sie regelt nicht nur ihre eigenen Gefühle, sondern auch die der Familie. Was Martina in diesem Moment richtig macht: Sie erklärt Lena ruhig, dass die Vorliebe für eine Wohnung nichts mit der Liebe zum Vater zu tun hat. Dass man beides darf: die neue Situation mögen und den Papa trotzdem lieben. Lena entspannt sich sichtbar. Die Erleichterung ist körperlich spürbar.
Systemischer Hinweis: Parentifizierung – wenn ein Elternteil den Teenager als emotionale Stütze oder Verbündeten nutzt – ist die intensivste Form des Loyalitätskonflikts. Sie belastet Jugendliche nachweislich langfristig und braucht professionelle Aufmerksamkeit.
4. Das Gespräch mit dem Teenager: Was hilft – und was schadet
Das Gespräch mit einem Teenager über die Elterntrennung ist schwieriger als mit einem jüngeren Kind – weil der Jugendliche mehr versteht, kritischer ist und weniger bereit sein kann zuzuhören. Gleichzeitig ist es wichtiger.
Was hilft
Klar und ehrlich sprechen, ohne Schuldzuweisungen: Nicht 'Dein Vater wollte nicht mehr' sondern 'Wir haben gemeinsam beschlossen, getrennte Wege zu gehen.'
Die Erlaubnis geben, beide Elternteile zu lieben: aktiv und explizit. 'Du musst dich für niemanden entscheiden.'
Entlastung von Verantwortung: 'Das ist unser Konflikt, nicht deiner. Du musst ihn nicht lösen.'
Raum für Gefühle schaffen, ohne Antworten zu erzwingen: 'Ich verstehe, wenn du wütend bist. Du musst gerade nichts erklären.'
Rituale und Struktur in beiden Haushalten aufrechterhalten: Verlässlichkeit ist in dieser Phase wichtiger als Flexibilität.
Was schadet
Den anderen Elternteil – direkt oder durch Körpersprache – schlecht machen
Das Kind als Boten oder Vermittler einsetzen: 'Sag deinem Vater, dass...'
Die eigene emotionale Regulation auf den Teenager auslagern: 'Du bist das Einzige, was mich noch hält'
Den Jugendlichen über Details informieren, die ihn nichts angehen (finanzielle Konflikte, Affären, Schuldzuweisungen)
Die Überanpassung des Kindes nicht bemerken oder als Zeichen nehmen, dass 'alles gut ist'
Umgangsregelung: Einbeziehen ohne zu überfordern
Jugendliche ab etwa 14 Jahren haben in Österreich ein Recht darauf, bei Obsorge- und Umgangsfragen angehört zu werden. Das bedeutet nicht, dass sie entscheiden müssen. Die Unterscheidung ist entscheidend: Fragen wie 'Was würdest du dir wünschen?' sind Einbeziehung. Fragen wie 'Wo willst du leben?' ohne begleitende Entlastung sind Überforderung. Eine gute Umgangsregelung entsteht, wenn beide Elternteile kooperieren – nicht wenn das Kind die Brücke zwischen ihnen bilden muss.

5. FAQ: Häufig gestellte Fragen
Ist es besser, auf eine Trennung zu warten, bis die Kinder älter sind?
Nicht zwingend. Kinder in Scheidungsfamilien leiden weniger unter der Trennung selbst als unter dem Klima davor: anhaltendem Konflikt, emotionaler Kälte, Spannung. Eine respektvolle, klare Trennung kann weniger belastend sein als Jahre in einer stark konfliktbehafteten Familie. Die Qualität der Beziehung nach der Trennung entscheidet mehr als der Zeitpunkt.
Mein Teenager sagt, es ist ihr egal. Soll ich das ernst nehmen?
Wie erkläre ich meinem 13-Jährigen die Trennung?
Mein Kind hat aufgehört, über seinen Vater zu sprechen. Was bedeutet das?
Wann braucht mein Teenager professionelle Unterstützung?
Können Jugendliche selbst entscheiden, wo sie wohnen?
6. Fazit
Die Trennung der Eltern in der Pubertät ist für Jugendliche keine leichte Last – aber sie ist keine, an der sie zwingend scheitern müssen. Was den Unterschied macht, ist nicht, ob sich Eltern trennen, sondern wie sie es tun. Und: Wie sie danach miteinander umgehen.
Jugendliche brauchen in dieser Phase keine perfekten Eltern. Sie brauchen Eltern, die weiter Eltern bleiben – auch wenn sie als Paar aufgehört haben. Die klare Sprache finden. Die dem Kind aktiv die Erlaubnis geben, beide zu lieben. Die den Teenager nicht zur Brücke zwischen zwei Welten machen.
Wenn das gelingt, können Jugendliche eine Elterntrennung verarbeiten und daran wachsen – auch wenn es zunächst alles andere als danach aussieht.
7. Über mich: Psychotherapeut Mag. Christian Asperger

Ich bin Mag. Christian Asperger, systemischer Psychotherapeut und Business-Coach in meiner Praxis in Wien 1020. In meiner Arbeit mit Familien und Paaren begleite ich regelmäßig Trennungsprozesse – und erlebe, wie entscheidend die Art und Weise ist, wie Eltern ihre Kinder in dieser Phase einbeziehen oder schützen. Der systemische Blick auf die Familiendynamik eröffnet dabei oft Möglichkeiten, die reine Beratung nicht sieht.


