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Psychosomatische Erkrankungen: Symptome, Ursachen und Behandlung

Autorenbild: Christian Asperger
Christian Asperger
vor 2 Stunden
6 Min. Lesezeit

Der dritte Termin in diesem Monat, wieder ohne Befund. Die Magenschmerzen sind trotzdem da, der Druck im Kopf sowieso. Für viele Menschen mit psychosomatischen Erkrankungen ist das der Moment, in dem sich Erleichterung und Ratlosigkeit gleichzeitig anfühlen: nichts Bedrohliches gefunden, die Beschwerden trotzdem real.


Psychosomatische Beschwerden sind keine Einbildung. Der Schmerz im Rücken, das Herzrasen vor dem Meeting: All das ist körperlich messbar, auch wenn die Ursache nicht im Gewebe liegt, sondern im Zusammenspiel aus Nervensystem, Stresshormonen und psychischer Belastung. In meiner Praxis in Wien erlebe ich immer wieder: Der Körper spielt nicht verrückt, er teilt etwas mit, das bisher keine Worte gefunden hat.


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Achtsame Berührung in der Therapie als Ausdruck von Körper und Psyche

Psychosomatische Erkrankungen – Das Wichtigste in Kürze


  • Psychosomatische Erkrankungen sind reale körperliche Beschwerden, keine eingebildeten Symptome, auch wenn keine organische Ursache gefunden wird.

  • Häufige Auslöser sind chronischer Stress, unterdrückte Gefühle und ungelöste Konflikte, die über das vegetative Nervensystem auf den Körper wirken.

  • Typische Beschwerden betreffen Verdauung, Herz-Kreislauf-System, Muskulatur und Schlaf, oft ohne eindeutigen medizinischen Befund.

  • Eine rein organische Abklärung reicht meist nicht aus, wirksame Behandlung verbindet körperliche und psychotherapeutische Perspektive.

  • Psychotherapie hilft dabei, die Sprache des Körpers zu verstehen, statt Symptome nur zu unterdrücken.

  • Der Weg zur Besserung verläuft selten geradlinig, kleine Verschiebungen im Alltag sind oft der erste erkennbare Fortschritt.


Podcast - Dein Körper spricht wenn du schweigst


Dein_Körper_spricht_wenn_du_schweigst


Inhalt




1. Wenn der Körper spricht, aber die Befunde unauffällig bleiben


Was Klient:innen oft am meisten entlastet, ist eine einfache Feststellung: psychosomatische Störungen sind keine Frage von Einbildung, sondern das Ergebnis eines Körpers, der auf Dauerbelastung reagiert. Das Nervensystem unterscheidet dabei nicht sauber zwischen einer realen Gefahr und einem ungelösten Konflikt am Arbeitsplatz.


In der Praxis zeigt sich das oft erst nach längerer Zeit: mehrere Arztbesuche, mehrere unauffällige Befunde, und ein wachsendes Gefühl, mit den eigenen Beschwerden allein gelassen zu werden. Genau an diesem Punkt beginnt die eigentliche Arbeit, nicht als Ersatz für die Medizin, sondern als notwendige Ergänzung.



2. Wie Stress und ungelöste Konflikte im Körper landen


Körper und Psyche sind kein Gegensatzpaar, sondern ein durchgehendes System. Wenn das Gehirn eine Situation als bedrohlich einstuft, egal ob ein echter Konflikt oder ein innerer Vorwurf, schaltet das vegetative Nervensystem in Alarmbereitschaft. Herzfrequenz und Muskeltonus steigen, die Verdauung wird gedrosselt, Stresshormone wie Cortisol werden ausgeschüttet. Das ist zunächst eine sinnvolle Schutzreaktion, wie sie auch bei akuter Gefahr abläuft.


Problematisch wird es, wenn dieser Alarmzustand nicht mehr abklingt. Bei anhaltendem Stress, bei Gefühlen, die dauerhaft heruntergeschluckt statt ausgesprochen werden (mehr dazu im Artikel über unterdrückte Emotionen), bei Konflikten, die nie zu Ende verhandelt werden, bleibt der Körper in einer Art Daueranspannung. Diese Anspannung sucht sich einen Ausdruck. Bei der einen Person ist es der Rücken, der verkrampft. Bei der anderen der Magen, der jeden Streit spiegelt.


Manche Klient:innen berichten von Symptomen, die exakt dann auftreten, wenn eine bestimmte Beziehungsdynamik aktiviert wird. Auch verdrängte Trauer zeigt sich häufig zuerst im Körper, oft Jahre bevor sie in Worte gefasst werden kann. Aus systemischer Sicht sind diese Symptome selten nur körperlich zu verstehen. Sie erzählen oft etwas über die Beziehung oder Lebenssituation, in der sie auftreten.



3. Typische Symptome psychosomatischer Erkrankungen erkennen


Psychosomatische Beschwerden zeigen sich selten isoliert, meist betreffen sie ein bestimmtes Körpersystem über längere Zeit. Im Verdauungstrakt äußern sie sich oft als Reizdarm oder ein Druckgefühl im Bauch, das mit der Stressbelastung schwankt. Am Herz-Kreislauf-System zeigen sich Herzrasen, Schwindel oder ein Engegefühl in der Brust, häufig verstärkt in sozialen oder leistungsbezogenen Situationen.


Muskulatur und Bewegungsapparat reagieren mit Verspannungen, Rückenschmerzen oder Spannungskopfschmerz, oft an Stellen, die für Haltung und Kontrolle stehen: Nacken, Kiefer, unterer Rücken. Und das vegetative Nervensystem selbst meldet sich über Erschöpfung, Schlafstörungen oder eine diffuse Unruhe, die sich nicht an einem konkreten Auslöser festmachen lässt. Auch bei Depressionen zeigt sich dieses Muster häufig: Die körperliche Erschöpfung meldet sich oft, bevor die Stimmung selbst erklärbar einbricht.


Was diese Symptome verbindet, ist weniger ihre Art als ihr Verlauf. Sie treten wiederkehrend auf, verschlechtern sich unter Belastung und bessern sich, sobald sich die zugrunde liegende Situation entspannt, auch wenn das oft erst im Rückblick auffällt. Genau dieser Zusammenhang ist der Hinweis, dem es sich nachzugehen lohnt.



4. Behandlung: Vom unauffälligen Befund zur passenden Therapie


Der erste Schritt bleibt eine sorgfältige medizinische Abklärung. Organische Ursachen müssen ausgeschlossen oder behandelt werden, das ersetzt keine Psychotherapie und wird durch sie auch nicht ersetzt. Die aktuelle AWMF S3-Leitlinie „Funktionelle Körperbeschwerden“ beschreibt genau dieses abgestufte Vorgehen. Steht am Ende der Abklärung kein eindeutiger Befund, der die Beschwerden vollständig erklärt, beginnt die eigentliche Arbeit oft erst.


In der Psychotherapie geht es zunächst darum, die Verbindung zwischen Körperreaktion und psychischer Belastung überhaupt sichtbar zu machen. Die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin beschreibt Psychosomatik entsprechend als eigenes medizinisches Fachgebiet mit ganzheitlichem Blick auf Körper und Psyche. Psychoedukation hilft dabei, die eigenen Symptome besser einzuordnen, statt sie als willkürlich oder bedrohlich zu erleben. Stabilisierende Verfahren wie Achtsamkeitsübungen oder Techniken zur Nervensystem-Regulation schaffen erste Entlastung. Je nach Ausgangslage kommen zusätzlich systemische, hypnosystemische oder traumatherapeutische Methoden zum Einsatz.


Auch eine systematische Cochrane-Übersichtsarbeit zu nicht-medikamentösen Behandlungsansätzen bei somatoformen Störungen und medizinisch unerklärten Körperbeschwerden bestätigt: Insbesondere kognitive Verhaltenstherapie kann die Schwere der Beschwerden spürbar reduzieren, auch wenn die Studienlage laut den Autor:innen noch ausbaufähig ist.



Ein Beispiel aus der Praxis: Der Körper spricht


Eine Klientin Anfang dreißig kam wegen einer komplexen Traumabelastung in Behandlung. Die intensive Trauma-Konfrontation hatten wir zu diesem Zeitpunkt bereits pausiert, wir arbeiteten an Stabilisierung und an ihrer Paardynamik. Nach einem Streit mit ihrem Partner bekam sie Schüttelfrost, leichte Untertemperatur, Gelenkschmerzen. Sie war überzeugt, krank zu werden. Wochen später, nach einem weiteren Konflikt, wieder ähnliche Beschwerden: Kopfschmerzen, Nackenschmerzen, ein stechendes Gefühl beim Schlucken. Die medizinische Abklärung blieb erneut ohne Befund.


Im Gespräch benannte ich, was ihr Körper meldete. Kopf, Nacken, Kehle: Bereiche, die häufig mit Kontrolle, Sprache und geschluckten Grenzen zu tun haben. Keine Erkältung, sondern eine Freeze-Reaktion des Nervensystems. Wir sprachen darüber, dass ihr Partner erst dann fürsorglich reagierte, wenn sie körperlich zusammenbrach. Emotionale Bedürfnisse allein reichten ihm nicht. Diese Dynamik wiederholte eine frühere Erfahrung mit ihrer Mutter, bei der ebenfalls nur körperliche Not ernst genommen wurde.


Beim nächsten Konflikt erkannte die Klientin das Muster früher. Sie sagte zu ihrem Partner, sie merke, dass ihr Kiefer sich zusammenziehe, und brauche eine Pause. Er reagierte zunächst irritiert, dann respektvoll. Sie musste nicht mehr bis zum körperlichen Zusammenbruch warten, um gehört zu werden.


Somatische Symptome sind selten nur körperlich. Sie erzählen etwas über die Beziehung, in der sie auftreten. Wer sie ausschließlich medizinisch abklärt (auch der Deutsche Ärzteblatt-Fachartikel zur Versorgungspraxis weist auf diese Lücke hin), verliert oft die therapeutisch wertvollste Information: welche Grenze der Körper meldet, die die betroffene Person selbst noch nicht in Worte fassen kann.



5. FAQ


Nein. Die körperlichen Symptome sind real und messbar, etwa erhöhter Muskeltonus, verändertes Stresshormonlevel oder eine gereizte Darmschleimhaut. Psychosomatisch bedeutet nicht „nicht echt“, sondern dass psychische Faktoren einen wesentlichen Anteil an der Entstehung und Aufrechterhaltung der Beschwerden haben.

Der erste Weg führt meist über die Hausärztin oder den Hausarzt zur organischen Abklärung. Bleibt diese unauffällig oder erklärt sie die Beschwerden nicht vollständig, ist eine Psychotherapeutin oder ein Psychotherapeut die richtige Anlaufstelle, oft ergänzt durch fachärztliche psychosomatische Begleitung.

Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Manche Menschen erleben bereits nach wenigen Sitzungen eine spürbare Entlastung, andere brauchen mehrere Monate, insbesondere wenn die Beschwerden mit älteren Konflikten oder Traumaerfahrungen verbunden sind.

Vereinzelt bessern sich Beschwerden, wenn sich die auslösende Lebenssituation von selbst entspannt. Bei chronischem oder wiederkehrendem Verlauf ist das eher die Ausnahme, meist braucht es eine aktive Auseinandersetzung mit der zugrunde liegenden Belastung.

Beide können sich körperlich äußern und überschneiden sich häufig. Bei einer Angststörung steht die Angst selbst im Vordergrund, bei psychosomatischen Beschwerden das körperliche Symptom, dessen psychischer Auslöser oft erst im Gespräch sichtbar wird.

Ja, eine medizinische Abklärung sollte vor oder parallel zur Psychotherapie stehen, um organische Ursachen sicher auszuschließen oder zu behandeln. Beides schließt sich nicht aus, sondern ergänzt sich.



6. Fazit


Psychosomatische Erkrankungen zeigen, wie eng Körper und Psyche miteinander verbunden sind. Wer über Wochen mit Beschwerden ohne Befund lebt, steht oft an einem Punkt, an dem die nächste sinnvolle Frage nicht „welcher Arzt noch“ lautet, sondern „welche Belastung sucht sich hier einen körperlichen Ausdruck“.


Die Klientin aus dem Fallbeispiel musste nicht lernen, ihre Symptome wegzuatmen. Sie musste lernen, früher zu merken, was ihr Körper bereits wusste, und es auszusprechen, bevor der Körper es für sie tut. Das ist selten ein linearer Weg. Aber jede Situation, in der ein Satz früher gesagt wird als sonst, ist bereits eine Verschiebung, die zählt.


7. Über mich


Ich bin Christian Asperger, Psychotherapeut in freier Praxis in Wien und Gründer von Praxis NORDSTERN. In meiner Arbeit begegnen mir psychosomatische Beschwerden regelmäßig, oft bei Klient:innen, die bereits einen langen medizinischen Weg hinter sich haben. Mein Ansatz verbindet systemische, hypnosystemische und traumatherapeutische Methoden mit einem somatischen Blick auf das, was der Körper mitzuteilen versucht.


Sie möchten über Ihre Situation sprechen? Vereinbaren Sie gerne ein Erstgespräch in meiner Praxis in Wien.


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