Selbstwert stärken: Warum er so wichtig ist
- Christian Asperger
- vor 3 Stunden
- 14 Min. Lesezeit
Kennen Sie das Gefühl, wenn Erfolge sich innerlich hohl anfühlen? Wenn das Lob der Kollegen an Ihnen abprallt, während eine kleine Kritik tagelang nachhallt? Viele Menschen, die nach außen kompetent und selbstsicher wirken, tragen im Inneren eine leise Stimme mit sich, die ihnen sagt, nicht gut genug zu sein.
Der Selbstwert ist keine angeborene Konstante, sondern ein lebendiges Konstrukt, das wir ein Leben lang gestalten – in unseren Beziehungen, im Beruf und vor allem in der Beziehung zu uns selbst.

Das Wichtigste in Kürze: Selbstwert stärken
Selbstwert ist veränderbar: Er entwickelt sich durch unsere Beziehungserfahrungen und die Geschichten, die wir über uns selbst erzählen
Innere Anteile prägen unser Selbstbild: Verschiedene Ego States können unterschiedliche Botschaften über unseren Wert vermitteln
Dünne vs. bevorzugte Geschichte: Problematische Selbstbilder basieren oft auf selektiven, "dünnen" Narrativen, die ignorieren, wer wir wirklich sind
Beziehungen als Spiegel: Unser Selbstwert zeigt sich besonders in Partnerschaften und beruflichen Beziehungen
Ressourcen sind immer vorhanden: Systemische Therapie macht verborgene Stärken und Kompetenzen wieder zugänglich
Veränderung braucht Bewusstsein: Die Reflexion über eigene Muster ist der erste Schritt zur Stärkung des Selbstwerts
Professionelle Unterstützung beschleunigt den Prozess: Psychotherapie bietet einen geschützten Raum für nachhaltige Veränderung
Podcast - Selbstwert verstehen
Inhalt
1. Was ist Selbstwert und warum ist er so zentral?
Selbstwert bezeichnet die grundlegende Einschätzung des eigenen Wertes als Person – unabhängig von Leistung, Aussehen oder sozialer Anerkennung. Während Selbstvertrauen sich auf spezifische Fähigkeiten bezieht ("Ich kann gut präsentieren"), beschreibt der Selbstwert die fundamentale Überzeugung: "Ich bin wertvoll, so wie ich bin."
Aus systemischer Perspektive entwickelt sich Selbstwert nicht im luftleeren Raum, sondern in Beziehungen. Bereits als Kinder lernen wir durch die Reaktionen unserer Bezugspersonen, welchen Wert wir haben. Diese frühen Beziehungserfahrungen prägen unsere Identität und beeinflussen, wie wir später mit Partnern, Kollegen und uns selbst umgehen.
Ein stabiler Selbstwert wirkt wie ein innerer Anker: Er ermöglicht es, Kritik konstruktiv aufzunehmen, ohne daran zu zerbrechen. Er erlaubt, Fehler als Lernchancen zu sehen statt als Bestätigung der eigenen Unzulänglichkeit. Und er schafft die Basis für authentische Beziehungen, in denen wir uns zeigen können, wie wir wirklich sind.
2. Die Entwicklung des Selbstwerts aus systemischer Sicht
Der Selbstwert entsteht nicht als isoliertes psychisches Phänomen, sondern durch kontinuierliche Interaktionen in verschiedenen Systemen – Familie, Freundeskreis, Arbeitsumfeld. Die systemische Identitätstheorie betont, dass unser Selbstbild ein kollektives Konstrukt ist: Wir werden zu dem, als was wir gesehen und behandelt werden.
Besonders prägend sind die sogenannten "Zuschreibungen" in der Familie. Ein Kind, das immer als "das Schwierige" bezeichnet wird, übernimmt diese Identität und entwickelt ein entsprechend fragiles Selbstbild. Umgekehrt stärkt die Erfahrung, als kompetent und liebenswert wahrgenommen zu werden, den Selbstwert nachhaltig.
Im Erwachsenenalter setzen sich diese Muster fort. In Partnerschaften übernehmen wir oft unbewusst Rollen, die an frühere Beziehungserfahrungen anknüpfen. Wer als Kind gelernt hat, dass Liebe an Bedingungen geknüpft ist, wird auch als Erwachsener versuchen, sich Zuneigung durch Leistung zu verdienen – ein Muster, das den Selbstwert kontinuierlich untergräbt.
Die systemische Perspektive zeigt auch: Selbstwert ist dynamisch. Er kann sich in verschiedenen Kontexten unterschiedlich manifestieren. Jemand mag im beruflichen Umfeld selbstsicher auftreten, während er in intimen Beziehungen zutiefst verunsichert ist. Diese Kontextabhängigkeit macht deutlich, dass Selbstwert stärken bedeutet, an den zugrundeliegenden Beziehungsmustern zu arbeiten.

3. Therapeutische Ansätze zum Selbstwert stärken
Die systemische Psychotherapie bietet verschiedene bewährte Methoden, um den Selbstwert nachhaltig zu stärken. Im Folgenden werden drei zentrale Ansätze vorgestellt, die sich in der Praxis als besonders wirksam erwiesen haben.
Narrative Therapie: Die Geschichte über sich selbst neu schreiben
Die narrative Therapie geht davon aus, dass wir unsere Identität durch Geschichten konstruieren. Problematisch wird es, wenn diese Geschichten "dünn" sind – das heißt, wenn sie wichtige Aspekte unserer Erfahrung ausblenden und uns auf negative Eigenschaften reduzieren.
Jemand mit niedrigem Selbstwert erzählt sich selbst oft eine dünne Geschichte wie: "Ich versage immer" oder "Niemand mag mich wirklich." Diese Narrative ignorieren systematisch alle Gegenbeispiele – die erfolgreichen Projekte, die liebevollen Beziehungen, die bewältigten Herausforderungen.
Der therapeutische Prozess zielt darauf ab, diese dünne Geschichte zu einer "bevorzugten Geschichte" zu erweitern – einer Version, die der Komplexität des Lebens gerecht wird. Dies geschieht durch "Re-Authoring", das gemeinsame Neuverfassen der Lebensgeschichte.
Konkrete Fragen in der narrativen Arbeit könnten sein:
"Gab es Zeiten in Ihrem Leben, in denen Sie sich wertvoll fühlten? Erzählen Sie mir davon."
"Wer würde am wenigsten überrascht sein, wenn Sie morgen etwas Mutiges tun?"
"Wenn diese selbstkritische Geschichte nicht die ganze Wahrheit wäre – welche anderen Kapitel Ihres Lebens würden dann sichtbar werden?"
Diese Fragen öffnen den Raum für alternative Narrative, die den Selbstwert stärken, indem sie die Vielschichtigkeit der eigenen Person anerkennen. Die bevorzugte Geschichte ist nicht etwa eine geschönte Version der Realität, sondern eine vollständigere, die auch die übersehenen Stärken, Ressourcen und Erfolge integriert.
Ein wichtiges Konzept der narrativen Therapie ist die "Externalisierung": Statt zu sagen "Ich bin unsicher", fragen wir: "Wann schleicht sich die Unsicherheit bei Ihnen ein?" Diese sprachliche Veränderung schafft Distanz zum Problem. Sie sind nicht das Problem – Sie haben ein Problem, mit dem Sie in Beziehung treten können.
Innere Anteile und Ego States: Wer spricht da eigentlich?
Die hypnosystemische Perspektive versteht die menschliche Psyche als Gemeinschaft verschiedener innerer Anteile oder Ego States. Jeder Teil hat seine eigene Geschichte, seine eigenen Überzeugungen und Emotionen. Konflikte zwischen diesen Anteilen können den Selbstwert massiv beeinträchtigen.
Ein typisches Beispiel: Ein innerer kritischer Anteil, der in der Kindheit die Funktion hatte, uns vor Kritik zu schützen (indem er uns selbst kritisiert, bevor es andere tun), kämpft mit einem kreativen, mutigen Anteil, der Neues ausprobieren möchte. Wenn der kritische Anteil dominiert, leidet der Selbstwert.
In der therapeutischen Arbeit geht es darum, diese inneren Anteile kennenzulernen und zu würdigen. Jeder Teil hat gute Absichten, auch wenn seine Methoden heute vielleicht überholt sind. Durch innere Dialoge können wir neue Vereinbarungen zwischen den Anteilen treffen.
Der Prozess der Arbeit mit inneren Anteilen umfasst mehrere Schritte:
Zunächst identifizieren wir die verschiedenen Stimmen im Inneren.
Welcher Anteil spricht, wenn Sie sich selbst kritisieren?
Welcher Anteil möchte Neues wagen?
Dann würdigen wir jeden Anteil für seine ursprüngliche Funktion. Der kritische Anteil wollte Sie schützen – das ist wertvoll, auch wenn die Methode heute hinderlich ist.
Schließlich moderieren wir einen inneren Dialog: Was bräuchte der kritische Anteil, um dem mutigen Anteil mehr Raum zu geben? Oft zeigt sich, dass der kritische Teil sich gehört fühlen möchte, Sicherheit braucht, dass er nicht völlig ignoriert wird. Wenn diese Bedürfnisse anerkannt werden, kann eine neue innere Ordnung entstehen, in der verschiedene Anteile kooperieren statt zu konkurrieren.
Praktische Übung: Stellen Sie sich vor, Sie betreten einen Konferenzraum in Ihrem Inneren. Welche Anteile sitzen dort am Tisch? Der Perfektionist? Das unsichere Kind? Die weise, gütige Beobachterin? Geben Sie jedem einen Platz und hören Sie zu, was jeder zu sagen hat. Oft zeigt sich: Der kritische Anteil wird ruhiger, wenn er sich gehört fühlt und erkennt, dass es auch andere Perspektiven gibt.
Ressourcenarbeit: Verborgene Stärken entdecken
Selbstwert stärken bedeutet nicht, Schwächen zu ignorieren, sondern verschüttete Ressourcen wieder zugänglich zu machen. In Krisen fokussieren wir uns automatisch auf Probleme und übersehen dabei die Kompetenzen, die bereits vorhanden sind.
Die systemische Ressourcenarbeit nutzt verschiedene Methoden, um diese Stärken sichtbar zu machen:
Ausnahmen erkunden: "Gab es Situationen, in denen das Problem weniger stark war? Was haben Sie da anders gemacht?" Diese Frage lenkt den Blick auf bereits vorhandene Lösungsstrategien. Wer feststellt, dass es Momente gibt, in denen der Selbstzweifel leiser ist, hat bereits Zugang zu inneren Ressourcen, die ausgebaut werden können.
Kompetenz-Inventur: Gemeinsam erstellen wir eine Liste all dessen, was jemand kann – nicht nur beruflich, sondern auch im Alltag. Wer ein Team führt, ist auch fähig zu organisieren, zu delegieren, Konflikte zu moderieren. Wer eine Familie managt, jongliert täglich mit komplexen Anforderungen. Diese oft als selbstverständlich abgetanen Fähigkeiten sind tatsächlich wertvolle Kompetenzen.
Ressourcen-Anker: Wir erkunden Momente im Leben, in denen sich jemand stark, wertvoll und kompetent gefühlt hat. Diese Erfahrungen werden detailliert erinnert und als "Anker" etabliert, auf die in schwierigen Situationen zurückgegriffen werden kann.
Die Ressourcenarbeit aktiviert das, was bereits da ist, und macht es für die Stärkung des Selbstwerts nutzbar. Menschen erkennen oft mit Überraschung: "Ich habe tatsächlich schon viele schwierige Situationen gemeistert." Diese Erkenntnis allein kann transformativ wirken.

4. Fallbeispiele aus der therapeutischen Praxis
Die folgenden Beispiele zeigen exemplarisch, wie sich Selbstwertprobleme im Alltag manifestieren und wie die therapeutische Arbeit konkret aussehen kann.
Beispiel 1: Julia, 34, Unternehmensberaterin: Selbstwert in der Partnerschaft
Julia kommt in die Therapie, weil ihre Beziehung in einer Krise steckt. Obwohl sie beruflich erfolgreich ist, fühlt sie sich in ihrer Partnerschaft ständig unsicher.
"Ich brauche permanent Bestätigung von meinem Partner", erzählt sie. "Wenn er abends müde ist und wenig redet, denke ich sofort, ich habe etwas falsch gemacht."
In der therapeutischen Arbeit zeigt sich, dass Julia in ihrer Herkunftsfamilie gelernt hat, dass Zuwendung an Leistung gekoppelt ist. Ihre Eltern lobten sie für gute Noten, kritisierten aber jede Schwäche. Diese "dünne Geschichte" über sich selbst –
"Ich bin nur wertvoll, wenn ich perfekt funktioniere"
- prägt bis heute ihre Beziehungen.
Durch die narrative Arbeit entwickelt Julia eine "bevorzugte Geschichte": eine Version ihres Lebens, die auch die vielen Situationen einbezieht, in denen sie geliebt wurde, ohne etwas leisten zu müssen. Wir arbeiten mit der Externalisierung: "Wann schleicht sich die Unsicherheit bei Ihnen ein?" Diese sprachliche Verschiebung schafft Distanz – Julia ist nicht die Unsicherheit, sie hat manchmal mit Unsicherheit zu tun.
Nach sechs Monaten berichtet Julia:
"Ich kann meinem Partner jetzt mehr vertrauen. Und vor allem: Ich vertraue mir selbst mehr. Ich weiß, dass ich wertvoll bin, auch wenn ich nicht perfekt bin."
Ihr Selbstwert hat sich stabilisiert, und ihre Beziehung hat sich spürbar entspannt.
Beispiel 2: Michael, 42, Geschäftsführer Start-up: Das Impostor-Syndrom
Michael hat sein Unternehmen erfolgreich aufgebaut, 25 Mitarbeiter und kürzlich eine große Finanzierungsrunde abgeschlossen. Dennoch plagt ihn das Gefühl:
"Irgendwann werden alle merken, dass ich nicht weiß, was ich tue. Ich bin nur zufällig hier gelandet."
Dieses Impostor-Syndrom ist bei erfolgreichen Menschen weit verbreitet und wurzelt oft in einem fragilen Selbstwert. Michael erzählt, dass sein Vater – selbst Unternehmer – seine Leistungen nie wirklich anerkannte. "Er fand immer etwas, das noch besser hätte sein können."
In der hypnosystemischen Arbeit mit inneren Anteilen wird deutlich, dass in Michael mehrere Ego States existieren: Ein Teil von ihm, der tatsächlich kompetent ist und Erfolge genießt. Und ein kritischer innerer Anteil, der mit der Stimme des Vaters spricht und jeden Erfolg kleinredet.
Wir führen einen inneren Dialog: "Wenn dieser kritische Teil auf einem Stuhl vor Ihnen säße – wie würde er aussehen? Was würde er sagen?" Michael beschreibt eine graue, angespannte Figur, die ständig warnt: "Pass auf, ruh dich nicht aus, es könnte alles zusammenbrechen." Dann frage ich: "Gibt es auch einen Teil in Ihnen, der weiß, was Sie geleistet haben?" Langsam taucht ein anderer innerer Anteil auf – ruhiger, klarer, realistischer.
Die Arbeit mit inneren Anteilen ermöglicht es Michael, zwischen der kritischen inneren Stimme und seiner erwachsenen, realistischen Selbsteinschätzung zu unterscheiden. Er lernt, den kritischen Anteil zu würdigen für seinen ursprünglichen Schutzauftrag, ihm aber nicht mehr die alleinige Führung zu überlassen. "Ich kann jetzt unterscheiden, wann mein innerer Kritiker spricht und wann ich wirklich etwas verbessern muss", berichtet er nach der Therapie. "Und ich kann ihm danken für seine Wachsamkeit, ohne jedes Wort zu glauben."
5. Selbstwert in Beziehungen und Beruf: Wo er sich zeigt
Der Selbstwert ist keine abstrakte psychologische Größe, sondern zeigt sich konkret im täglichen Leben – besonders deutlich in Partnerschaften und im beruflichen Kontext.
Selbstwert in Partnerschaften
In intimen Beziehungen wird unser Selbstwert besonders sichtbar und gleichzeitig besonders gefordert. Menschen mit niedrigem Selbstwert zeigen häufig eines von zwei Mustern:
Das klammernde Muster: Ständiges Bedürfnis nach Bestätigung, übermäßige Eifersucht, Schwierigkeiten, allein zu sein, oder die Angst, verlassen zu werden. Die Partnerin wird zur einzigen Quelle des eigenen Werts – eine Belastung für jede Beziehung.
Das distanzierende Muster: Emotionaler Rückzug, Vermeidung von Intimität oder Verletzlichkeit, um sich vor möglicher Zurückweisung zu schützen. Der niedrige Selbstwert versteckt sich hinter einer Fassade von Unabhängigkeit.
Systemisch betrachtet entsteht in Partnerschaften oft ein zirkuläres Muster: Je mehr Julia nach Bestätigung sucht, desto mehr zieht sich ihr Partner zurück. Sein Rückzug bestätigt wiederum ihre Angst, nicht wertvoll genug zu sein. Solche Teufelskreise lassen sich nur durchbrechen, wenn der zugrundeliegende Selbstwert gestärkt wird.
Eine Partnerschaft kann den Selbstwert nicht ersetzen, aber sie kann ihn nähren: Wenn wir uns in einer Beziehung gesehen, verstanden und wertgeschätzt fühlen – mit unseren Stärken und Schwächen – entsteht eine heilsame Erfahrung, die alte Verletzungen korrigieren kann.
Selbstwert im beruflichen Kontext
Im Beruf manifestiert sich ein niedriger Selbstwert auf vielfältige Weise:
Das Impostor-Syndrom: Trotz objektiver Erfolge das Gefühl, ein Hochstapler zu sein. Die Angst, "entlarvt" zu werden, führt oft zu übermäßigem Perfektionismus und Überarbeitung.
Schwierigkeiten mit Sichtbarkeit: Unfähigkeit, eigene Leistungen angemessen zu kommunizieren. Während andere sich selbst vermarkten, bleiben Menschen mit niedrigem Selbstwert im Hintergrund – aus Angst, arrogant zu wirken.
Probleme mit Autorität: Als Führungskraft fällt es schwer, klare Ansagen zu machen oder unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Der eigene Wert wird von der Beliebtheit bei Mitarbeitern abhängig gemacht.
Chronische Überforderung: Unfähigkeit, "Nein" zu sagen, führt zu Überlastung. Der Selbstwert wird über Leistung und Unverzichtbarkeit definiert.
Interessanterweise kompensieren viele erfolgreiche Menschen einen niedrigen Selbstwert durch berufliche Höchstleistungen. Sie werden zur Führungskraft, Unternehmerin oder Spitzenexpertin – und leiden dennoch unter dem Gefühl, nicht gut genug zu sein. Äußerer Erfolg kann innere Leere nicht füllen.
Die systemische Perspektive zeigt: Auch im Beruf entstehen zirkuläre Muster. Wer aus Selbstzweifeln übermäßig perfektionistisch arbeitet, erhält vielleicht Anerkennung für die Qualität, zahlt aber den Preis mit Erschöpfung und bestätigt unbewusst die Überzeugung:
"Nur wenn ich mich total verausgabe, bin ich wertvoll."
Selbstwert stärken bedeutet im beruflichen Kontext auch: Den eigenen Wert unabhängig von Leistung zu verankern. Erfolgreich zu sein, ohne sich darüber zu definieren. Fehler machen zu dürfen, ohne daran zu zerbrechen. Und zu erkennen, dass der eigene Wert als Mensch nicht davon abhängt, wie viel man leistet oder wie andere einen bewerten.

6. Der therapeutische Prozess: So arbeiten wir am Selbstwert
In der Psychotherapie folgt die Arbeit am Selbstwert keinem starren Schema, sondern passt sich den individuellen Bedürfnissen an. Typischerweise umfasst der Prozess jedoch mehrere Phasen:
Phase 1: Bewusstwerdung
Zunächst geht es darum, die eigenen Muster zu erkennen. Wie zeigt sich der niedrige Selbstwert konkret? In welchen Situationen? Mit zirkulären Fragen erkunden wir: "Wie würde Ihr Partner beschreiben, wie sich Ihr geringer Selbstwert im Alltag zeigt?" Diese Außenperspektive eröffnet neue Einsichten. Wir schauen auch auf die Kontexte: Gibt es Bereiche, in denen Ihr Selbstwert stabiler ist? Was ist dort anders?
Phase 2: Historisches Verstehen
Woher kommt die selbstkritische Haltung? Welche Beziehungserfahrungen haben sie geprägt? Dieses Verstehen ist nicht Selbstzweck, sondern schafft die Basis für Veränderung. Wenn wir erkennen, dass die innere kritische Stimme ursprünglich ein Schutzmechanismus war, können wir mitfühlender mit uns selbst umgehen. Wir identifizieren auch die "dünne Geschichte", die den niedrigen Selbstwert aufrechterhält.
Phase 3: Alternative Narrative entwickeln
Hier nutzen wir die narrative Therapie, um die dünne, problemgesättigte Geschichte zu erweitern. Wir sammeln Gegenbeispiele, erkunden vergessene Stärken und schreiben die Lebensgeschichte so um, dass sie der Wirklichkeit gerechter wird. Gleichzeitig arbeiten wir mit inneren Anteilen: Welche Teile in Ihnen unterstützen die bevorzugte Geschichte? Wie können sie gestärkt werden?
Phase 4: Ressourcen aktivieren
Durch systematische Ressourcenarbeit machen wir Stärken sichtbar und zugänglich. Wir erkunden Ausnahmen, erstellen Kompetenz-Landkarten und etablieren Ressourcen-Anker. Diese Phase ist besonders wichtig, weil sie die emotionale Erfahrung ermöglicht: "Ich habe mehr zu bieten, als ich dachte."
Phase 5: Integration und Verankerung
Neue Selbstbilder müssen im Alltag erprobt werden. Kleine Experimente helfen dabei: Was passiert, wenn Sie in der nächsten Teamsitzung Ihre Meinung sagen, auch wenn sie unpopulär ist? Wie fühlt es sich an, dem Partner einen Wunsch mitzuteilen, ohne sich dafür zu rechtfertigen? Wir reflektieren diese Erfahrungen gemeinsam und verankern sie in der bevorzugten Geschichte.
Der gesamte Prozess wird begleitet von der therapeutischen Beziehung selbst, die eine heilsame Erfahrung sein kann: Gesehen und wertgeschätzt zu werden, ohne sich verstellen zu müssen, korrigiert alte Beziehungserfahrungen und stärkt den Selbstwert auf fundamentale Weise
.
Die Dauer des Prozesses variiert: Manche Menschen erleben bereits nach wenigen Sitzungen erste Veränderungen, besonders wenn es um konkrete Situationen geht. Für tiefgreifende Transformation bei lang verwurzelten Selbstwertproblemen rechnet man eher mit mehreren Monaten. Entscheidend ist die Qualität der Arbeit und die Bereitschaft, sich auf den Prozess einzulassen.

7. FAQ – Häufige Fragen zum Thema Selstwert
Kann man Selbstwert wirklich verändern oder ist er angeboren?
Selbstwert ist nicht genetisch festgelegt, sondern entwickelt sich durch Beziehungserfahrungen. Das bedeutet: Er ist veränderbar, auch im Erwachsenenalter. Psychotherapie kann helfen, problematische Muster zu erkennen und neue, stärkende Narrative über sich selbst zu entwickeln. Die neuronale Plastizität des Gehirns ermöglicht es, selbst tief verankerte Überzeugungen umzustrukturieren.
Wie lange dauert es, den Selbstwert zu stärken?
Das ist sehr individuell und hängt von der Tiefe der Problematik ab. Manche Menschen erleben bereits nach wenigen Sitzungen erste Veränderungen, besonders wenn konkrete Situationen im Fokus stehen. Für nachhaltige Transformation bei tief verwurzelten Selbstwertproblemen rechnet man eher mit mehreren Monaten. Entscheidend ist weniger die Dauer als die Qualität der therapeutischen Beziehung und die Bereitschaft, sich auf den Prozess einzulassen.
Was ist der Unterschied zwischen Selbstwert und Selbstbewusstsein?
Selbstbewusstsein bezieht sich auf spezifische Kompetenzen ("Ich kann gut vor Menschen sprechen"), während Selbstwert die grundlegende Überzeugung meint, als Person wertvoll zu sein – unabhängig von Leistung. Man kann selbstbewusst in bestimmten Bereichen sein, aber dennoch einen niedrigen Selbstwert haben. Die Arbeit am Selbstwert geht tiefer und betrifft die Kernidentität.
Kann Psychotherapie bei Selbstwertproblemen wirklich helfen?
Ja, Studien zeigen, dass besonders systemische und narrative Therapieansätze sehr wirksam sind. Der therapeutische Prozess bietet einen geschützten Raum, in dem Sie neue Perspektiven auf sich selbst entwickeln können. Die Beziehung zum Therapeuten wird dabei selbst zu einer heilsamen Erfahrung – Sie erleben, gesehen und wertgeschätzt zu werden, ohne sich verstellen zu müssen.
Wie erkenne ich, ob mein Selbstwert zu niedrig ist?
Typische Anzeichen sind: übermäßige Selbstkritik, Schwierigkeiten, Komplimente anzunehmen, ständiges Vergleichen mit anderen, Vermeidung von Herausforderungen aus Angst zu versagen, Schwierigkeiten, Grenzen zu setzen, oder das Gefühl, sich Liebe und Anerkennung verdienen zu müssen. Wenn diese Muster Ihr Leben einschränken und Beziehungen belasten, ist das ein Hinweis, dass Arbeit am Selbstwert hilfreich sein könnte.
Welche Rolle spielen Beziehungen beim Selbstwert?
Beziehungen sind zentral für die Entwicklung und Aufrechterhaltung des Selbstwerts. In Partnerschaften wird besonders deutlich, wie wir über uns denken. Ein niedriger Selbstwert führt oft zu Klammern, übermäßigem Harmoniebedürfnis oder umgekehrt zu emotionalem Rückzug. Gleichzeitig können heilsame Beziehungen den Selbstwert stärken – in der Therapie wie im privaten Leben.
Ist ein zu hoher Selbstwert problematisch?
Ein stabiler, realistischer Selbstwert ist nicht gleichzusetzen mit Arroganz oder Narzissmus. Echter Selbstwert ermöglicht es, eigene Stärken anzuerkennen, ohne andere abzuwerten. Problematisch wird es, wenn Größenfantasien oder ein aufgeblähtes Selbstbild dazu dienen, tief liegende Unsicherheiten zu kompensieren. Das wäre dann eher ein Zeichen für fragilen, nicht für hohen Selbstwert.
Was sind "innere Anteile" und wie beeinflussen sie den Selbstwert?
In der hypnosystemischen Therapie verstehen wir die Psyche als Gemeinschaft verschiedener Persönlichkeitsanteile oder Ego States. Ein kritischer innerer Anteil kann den Selbstwert untergraben, während ein fürsorglicher Anteil ihn stärkt. In der Therapie lernen Sie, diese Anteile kennenzulernen und konstruktiv miteinander zu verbinden, sodass nicht mehr nur der kritische Teil die Regie führt.
Können Erfolgserlebnisse im Beruf den Selbstwert stärken?
Berufliche Erfolge können das Selbstvertrauen in spezifischen Bereichen erhöhen, ersetzen aber nicht die grundlegende Arbeit am Selbstwert. Viele erfolgreiche Menschen leiden unter dem Impostor-Syndrom – sie spüren trotz äußerer Erfolge keine innere Sicherheit. Nachhaltiger ist es, den Selbstwert unabhängig von Leistung zu verankern, sodass auch Misserfolge ihn nicht mehr erschüttern können.
Was bedeutet "die Geschichte über sich selbst neu schreiben"?
In der narrativen Therapie arbeiten wir mit der Erkenntnis, dass unsere Identität durch Geschichten konstruiert wird. Wenn die Geschichte über Sie selbst lautet "Ich bin nicht gut genug", prägt das Ihr gesamtes Erleben. Durch therapeutische Arbeit "re-autoren" (neu verfassen) wir diese Geschichte: Wir integrieren übersehene Stärken, alternative Perspektiven und vergessene Erfolge. So entsteht eine reichere, realistischere und selbstwertstärkende Erzählung Ihres Lebens.
8. Fazit: Der Weg zu einem stabilen Selbstwert
Selbstwert stärken ist keine Frage von positivem Denken oder Affirmationen vor dem Spiegel. Es ist ein tiefgreifender Prozess, der unser Selbstbild, unsere Beziehungsmuster und die Geschichten, die wir über uns erzählen, grundlegend verändert.
Die systemische Psychotherapie bietet dafür einen bewährten Rahmen: Durch narrative Arbeit erweitern Sie die dünne, problemgesättigte Geschichte zu einer bevorzugten Geschichte, die Ihrer Komplexität gerecht wird. Durch die Arbeit mit inneren Anteilen lernen Sie, verschiedene Seiten Ihrer Persönlichkeit zu integrieren statt sie zu bekämpfen. Und durch Ressourcenarbeit entdecken Sie Stärken, die immer schon da waren, aber übersehen wurden.
Der Selbstwert zeigt sich besonders deutlich in Beziehungen – zur Partnerin, zu Kollegen, zur Familie und vor allem zu sich selbst. Ein stabiler Selbstwert ermöglicht es, authentisch zu sein, Grenzen zu setzen, Fehler einzugestehen und gleichzeitig die eigenen Stärken anzuerkennen. Er ist die Basis für erfüllte Partnerschaften, in denen Sie sich zeigen können, wie Sie wirklich sind. Und er ist das Fundament für beruflichen Erfolg, der nicht auf Kosten des eigenen Wohlbefindens geht.
Der Weg zu einem stabilen Selbstwert ist individuell und braucht Zeit. Aber er lohnt sich: Menschen, die ihre Selbstwertprobleme bearbeitet haben, berichten von mehr Lebensfreude, authentischeren Beziehungen und einem tieferen Gefühl, im Einklang mit sich selbst zu sein.
Sie möchten Ihren Selbstwert stärken und authentischere Beziehungen leben?
9. Über mich: Psychotherapeut Mag. Christian Asperger

In meiner Rolle als Psychotherapeut integriere ich meine langjährige Erfahrung aus meiner Praxis als Psychotherapeut sowie als Senior VP in Konzernen mit einer soliden Ausbildung in systemischer Psychotherapie und Coaching.
Mein Ansatz basiert auf dem Verständnis der Menschen im Kontext ihrer sozialen Beziehungen und der Konzentration auf das "Wie" gegenwärtiger Situationen. Ich betrachte Klienten als Experten ihrer eigenen Fälle und vermeide es, Themen zu vertiefen, die sie nicht aktiv einbringen.
Gerne unterstütze ich Sie in meiner Praxis in Wien, um die Arbeit mit Ihrem Thema zu starten. Gemeinsam finden wir Ihren individuellen Weg zu einer glücklichen Beziehung zu sich selbst zurück.
