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Angst vor dem Alleinsein: Ursachen und Bewältigung

  • Autorenbild: Christian Asperger
    Christian Asperger
  • vor 11 Stunden
  • 12 Min. Lesezeit

"Ich halte es einfach nicht aus, allein zu sein" – diesen Satz höre ich in meiner Praxis als Psychotherapeut immer wieder. Die Angst vor dem Alleinsein ist weit verbreitet und doch von einem Tabu umgeben. Viele Menschen schämen sich dafür, dass sie Stille nicht ertragen, dass ein freier Abend zur Qual wird oder dass sie lieber in einer unbefriedigenden Beziehung bleiben, als allein zu sein.


Doch diese Angst ist kein Zeichen von Schwäche – sie erzählt eine Geschichte über frühe Erfahrungen, Bindungsmuster und die Art, wie wir gelernt haben, uns selbst zu begegnen. Als Psychotherapeut in Wien arbeite ich täglich mit dieser Thematik. In diesem Artikel beleuchte ich aus systemischer Perspektive, woher diese Angst kommt und wie Sie einen neuen Umgang damit finden können.


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Angst vor dem Alleinsein – Das Wichtigste in Kürze


  • Die Angst vor dem Alleinsein wurzelt oft in frühen Bindungserfahrungen und transgenerationalen Mustern

  • Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen Alleinsein (Zustand) und Einsamkeit (Gefühl) – beides kann unabhängig voneinander auftreten

  • Co-Abhängigkeit und mangelnder Selbstwert verstärken die Angst, da der eigene Wert über Beziehungen definiert wird

  • Systemische Therapie betrachtet die Angst im Kontext von Beziehungsmustern und Familiendynamiken – nicht als individuelles Defizit

  • Bewältigungsstrategien umfassen Selbstmitgefühl, das Kennenlernen der eigenen Bedürfnisse und die schrittweise Aussöhnung mit dem Alleinsein

  • Die Fähigkeit, mit sich selbst zu sein, ist erlernbar und öffnet den Weg zu authentischeren Beziehungen

Podcast - Angst vor dem Alleinsein


Angst_vor_dem_Alleinsein_als_Überlebensstrategie


Inhalt



1. Was ist Angst vor dem Alleinsein?


Die Angst vor dem Alleinsein – in der Fachsprache auch als Autophobie oder Monophobie bezeichnet – beschreibt die intensive Furcht davor, mit sich selbst konfrontiert zu sein. Es geht nicht nur um die Abwesenheit anderer Menschen, sondern um eine tiefere Ebene: die Angst, der eigenen inneren Leere zu begegnen, mit unangenehmen Gedanken und Gefühlen allein zu sein oder ohne äußere Bestätigung und Ablenkung auskommen zu müssen.

 

In meiner Praxis begegne ich dieser Angst in vielen Facetten: Menschen, die nach einer Trennung nicht allein sein können und sofort in die nächste Beziehung flüchten. Klienten, die ihre Wochenenden minutiös mit Aktivitäten verplanen, um bloß keine Stille zu erleben. Oder Paare, die zusammenbleiben, obwohl die Beziehung längst zerbröckelt ist – aus Angst vor dem, was danach kommt.

 

Die systemische Perspektive

 

Aus systemischer Sicht ist diese Angst kein individuelles Defizit, sondern ein Ausdruck von Beziehungsmustern. Wir lernen in Beziehungen, wer wir sind – durch Spiegelung, durch Feedback, durch Zugehörigkeit. Wenn diese Beziehungen unsicher, inkonsistent oder überfordernd waren, entwickeln wir möglicherweise die Überzeugung:

"Ich bin nur okay, wenn jemand da ist. Allein bin ich nichts wert."

2. Ursachen der Angst vor dem Alleinsein

Die Wurzeln der Angst vor dem Alleinsein sind vielfältig und liegen oft in frühen Lebenserfahrungen:

 

1. Unsichere Bindungserfahrungen

 

Kinder, die inkonsistente oder emotional nicht verfügbare Bezugspersonen hatten, entwickeln oft eine ambivalente Bindung. Sie lernen:

"Ich muss ständig die Aufmerksamkeit meiner Bezugsperson sichern, sonst verliere ich sie."

Diese Dynamik setzt sich im Erwachsenenleben fort – als Angst, allein gelassen zu werden.

 

2. Frühe Trennungserfahrungen

 

Traumatische Trennungen in der Kindheit – sei es durch Scheidung, Krankheit, Tod oder andere Verlusterlebnisse – hinterlassen oft die Überzeugung:

"Alleinsein ist gefährlich. Verlassenwerden ist existenziell bedrohlich."

 

3. Parentifizierung

 

Wenn Kinder früh die Rolle übernehmen mussten, für Elternteile emotional da zu sein, lernen sie:

"Mein Wert definiert sich darüber, für andere da zu sein."

Allein zu sein wird dann gleichgesetzt mit Nutzlosigkeit.

 

4. Transgenerationale Muster

 

Manchmal tragen wir Ängste mit uns, die nicht in unserem eigenen Leben entstanden sind, sondern in der Generation unserer Eltern oder Großeltern. Kriege, Flucht, Verlusterfahrungen können eine Familiengeschichte von

"Wir müssen zusammenhalten, um zu überleben"

schaffen.

 

5. Gesellschaftliche Prägung

 

Unsere Gesellschaft wertet Alleinsein oft ab. "Allein" wird mit "einsam", "gescheitert" oder "unvollständig" gleichgesetzt. Besonders Frauen werden mit der Botschaft sozialisiert, dass Beziehungen ihr Selbstwert-Zentrum sein sollten.



Psychotherapeut Mag. Christian Asperger mit Genogramm


3. Psychologische Erklärungsmodelle

Bindungstheorie (John Bowlby)

 

Die Bindungstheorie erklärt, wie frühe Beziehungserfahrungen unsere späteren Bindungsmuster prägen. Menschen mit unsicherer Bindung neigen dazu, entweder klammerndes Verhalten zu zeigen (ängstlicher Bindungsstil) oder sich emotional zu distanzieren (vermeidender Bindungsstil). Die Angst vor dem Alleinsein ist oft Ausdruck eines ängstlichen Bindungsstils.

 

Objektbeziehungstheorie

 

Nach dieser Theorie entwickeln wir innere Repräsentationen von uns selbst und anderen. Wenn diese Repräsentationen fragmentiert oder negativ sind, fällt es schwer, eine stabile innere Selbstrepräsentation zu haben – wir brauchen dann die äußere Bestätigung durch andere, um uns "vollständig" zu fühlen.

 

Systemische Theorie

 

Die systemische Perspektive, die ich in meiner Arbeit bevorzuge, sieht die Angst vor dem Alleinsein als Ausdruck von Beziehungsdynamiken. Die Frage ist nicht "Was ist mit dieser Person falsch?", sondern

"In welchem Beziehungskontext macht diese Angst Sinn?"

Oft dient die Angst vor dem Alleinsein sogar einem systemischen Zweck – etwa, Eltern zusammenzuhalten oder ein Familiensystem zu stabilisieren.


4. Alleinsein vs. Einsamkeit: Ein wichtiger Unterschied

Ein häufiges Missverständnis: Alleinsein und Einsamkeit werden gleichgesetzt. Doch das sind zwei fundamental verschiedene Phänomene:

 

Alleinsein ist ein objektiver Zustand – die physische Abwesenheit anderer Menschen. Es ist wertneutral und kann bewusst gewählt sein.

 

Einsamkeit ist ein subjektives Gefühl – die schmerzhafte Diskrepanz zwischen gewünschten und tatsächlichen sozialen Kontakten. Man kann sich in einer Menschenmenge einsam fühlen oder allein sein und sich verbunden fühlen.

 

Die Angst vor dem Alleinsein entsteht oft aus der Gleichsetzung dieser beiden: "Wenn ich allein bin, bin ich automatisch einsam." Diese Überzeugung zu hinterfragen, ist ein wichtiger therapeutischer Schritt.

 

Positives Alleinsein: Die Kraft der Solitude

 

Psychologen unterscheiden zwischen Einsamkeit (loneliness) und Solitude – dem gewählten, positiven Alleinsein. Solitude ist Raum für Selbstreflexion, Kreativität, Regeneration. Es ist die Fähigkeit, mit sich selbst in guter Gesellschaft zu sein. Diese Fähigkeit ist erlernbar.


Hände halten Karte mit Aufschrift Angst

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5. Symptome und Auswirkungen


Die Angst vor dem Alleinsein zeigt sich auf verschiedenen Ebenen:

 

Emotionale Symptome

 

•       Intensive Panik oder Angst, wenn Alleinsein bevorsteht

•       Gefühle von Wertlosigkeit oder Leere, wenn niemand da ist

•       Gedankenkreisen: "Niemand mag mich", "Ich bin allein", "Ich werde verlassen"

•       Überwältigende Traurigkeit oder Depression bei Alleinsein

 

Verhaltenssymptome

 

•       Klammerndes Verhalten in Beziehungen

•       Ständige Suche nach Ablenkung (Fernsehen, Social Media, Arbeit)

•       Vermeidung von Situationen, in denen man allein sein müsste

•       Übermäßiges Planen von Aktivitäten, um freie Zeit zu vermeiden

•       Bleiben in ungesunden Beziehungen aus Angst vor dem Alleinsein

 

Körperliche Symptome

 

•       Herzrasen, Schweißausbrüche, Zittern

•       Schlafstörungen (besonders allein im Bett)

•       Appetitveränderungen

•       Innere Unruhe, Rastlosigkeit

 

Langfristige Auswirkungen

 

Unbehandelt kann die Angst vor dem Alleinsein zu chronischen Beziehungsproblemen, Depression, Suchtverhalten (als Bewältigungsstrategie) und einem eingeschränkten, fremdbestimmten Leben führen. Die eigenen Bedürfnisse und Wünsche geraten aus dem Blick, weil die Angst vor dem Alleinsein alle Entscheidungen dominiert.



6. Fallbeispiel: Marianne und das Leere-Nest-Syndrom


Marianne, 59 Jahre, kam in die Therapie, nachdem ihre beiden Kinder ausgezogen waren.

"Ich weiß nicht mehr, wer ich bin",

waren ihre ersten Worte. Ihr ganzes Erwachsenenleben hatte sie damit verbracht, für andere da zu sein – erst für ihren inzwischen verstorbenen Vater, dann für ihre Kinder. Jetzt war sie allein und fühlte sich völlig verloren.

 

In den ersten Sitzungen zeigte sich: Marianne hatte nie gelernt, mit sich selbst in Kontakt zu sein. Ihre Identität war vollständig über Beziehungen und Fürsorge für andere definiert. Allein zu sein bedeutete für sie: nutzlos, überflüssig, ohne Wert. Sie füllte ihre Tage mit Telefonaten, Besuchen bei Freundinnen und ehrenamtlicher Arbeit – alles, um bloß keine Stille zu erleben.

 

Wir arbeiteten mit inneren Anteilen: Der "Kümmerer"-Anteil, der seit ihrer Kindheit aktiv war und ihr Überleben gesichert hatte, durfte sich endlich ausruhen. Gleichzeitig luden wir einen "Entdecker"-Anteil ein, der neugierig auf die Frage war:

"Wer bin ich eigentlich, wenn niemand meine Aufmerksamkeit braucht?"

Mit Hausaufgaben wie "Verbringe 30 Minuten allein ohne Ablenkung" tastete sie sich langsam an das Alleinsein heran.

 

Nach einigen Monaten berichtete Marianne: "Ich habe angefangen zu malen. Etwas, das ich als Jugendliche geliebt habe, aber dann vergessen hatte. Und wissen Sie was? Ich genieße es, allein in meinem Atelier zu sein. Ich muss niemandem gefallen, niemandem dienen. Ich darf einfach sein."

 


7. Bewältigungsstrategien aus der systemischen Therapie


1. Verstehen der Beziehungsmuster

 

Der erste Schritt ist zu verstehen: Woher kommt meine Angst? Welchen Zweck erfüllt sie in meinem Leben? Oft diente die Angst vor dem Alleinsein früher dem Überleben – etwa, indem sie uns half, Bezugspersonen nicht zu verlieren. Diese Muster können wir würdigen, ohne ihnen weiter zu folgen.

 

2. Arbeit mit inneren Anteilen

 

Ein zentraler Ansatz in meiner Arbeit ist die Ego-State-Therapie. Wir alle haben verschiedene innere Anteile: den ängstlichen Teil, der Alleinsein als Bedrohung erlebt, aber auch den neugierigen Teil, der Freiheit im Alleinsein sehen könnte. Diese Anteile dürfen miteinander in Dialog treten.

 

3. Ressourcenaktivierung

 

Wir suchen nach Ausnahmen: Wann war Alleinsein okay? Was hat damals geholfen? Oft gibt es Momente – auch wenn sie kurz waren – in denen Alleinsein nicht bedrohlich war. Diese Ressourcen können wir stärken.

 

4. Genogramm-Arbeit

 

Ein Familienstammbaum (Genogramm) kann zeigen: Gibt es transgenerationale Muster? Hat vielleicht schon meine Mutter oder Großmutter Angst vor dem Alleinsein gehabt? Diese Muster bewusst zu machen, hilft, sich davon zu lösen.

 

5. Neue Narrative entwickeln

 

Von "Ich bin nur okay, wenn jemand da ist" zu "Ich bin vollständig, auch wenn ich allein bin". Dieser narrative Shift braucht Zeit und wiederkehrende Erfahrungen, die das neue Narrativ stützen.

 

6. Skalierungsfragen

 

"Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie gut können Sie aktuell mit Alleinsein umgehen?" Diese Frage hilft, Fortschritte sichtbar zu machen und kleine Schritte zu würdigen. "Was wäre anders bei einer 5 statt einer 3? Was brauchen Sie dafür?"


Psychotherapeut Mag. Christian Asperger


8. Fallbeispiel: Tina und die Co-Abhängigkeit


Tina, 33 Jahre, Physiotherapeutin, kam wegen "Beziehungsproblemen". Schnell wurde klar: Das eigentliche Thema war ihre tiefe Angst vor dem Alleinsein. Sie sprang von einer Beziehung in die nächste, oft überlappend.

"Ich kann einfach nicht allein sein",

sagte sie.

"Wenn ich allein bin, fühle ich mich wie ein schwarzes Loch – komplett leer."

 

In der therapeutischen Arbeit zeigte sich ein co-abhängiges Muster: Tina definierte ihren Wert ausschließlich über Beziehungen. Alleinsein bedeutete für sie, wertlos zu sein. Ihre Kernüberzeugung lautete:

"Ich bin nur liebenswert, wenn jemand bei mir ist."

Diese Überzeugung stammte aus einer Kindheit, in der sie früh für ihre depressive Mutter sorgen musste und nur Anerkennung bekam, wenn sie "funktionierte".

 

Wir arbeiteten daran, ihre Selbstwahrnehmung von Beziehungen zu entkoppeln. Eine zentrale Übung: "Liste fünf Dinge auf, die Sie gut können – unabhängig davon, was andere darüber denken." Das fiel ihr anfangs unglaublich schwer. Wir nutzten auch Skalierungsfragen: "Wenn 1 bedeutet 'Ich bin nichts wert, wenn ich allein bin' und 10 bedeutet 'Mein Wert ist unabhängig von Beziehungen' – wo stehen Sie heute?"

 

Nach etwa einem Jahr Therapie – und der ersten längeren Phase ohne Beziehung – berichtete Tina: "Es ist immer noch nicht einfach, aber ich halte es aus. Ich habe angefangen, mich selbst kennenzulernen. Und das Verrückte: Ich mag, was ich sehe. Ich muss nicht mehr jemandem hinterherrennen, um mich komplett zu fühlen."



9. Praktische Übungen und Tools


Übung 1: Dosiertes Alleinsein

 

Beginnen Sie mit kurzen Zeiträumen (15-30 Minuten), in denen Sie bewusst allein sind – ohne Ablenkung (kein Handy, kein Fernsehen). Sitzen Sie einfach da und beobachten Sie, was in Ihnen aufsteigt. Was denken Sie? Was fühlen Sie? Steigern Sie die Dauer langsam.

 

Übung 2: Selbstmitgefühl-Meditation

 

Wenn die Angst aufsteigt, legen Sie eine Hand aufs Herz und sagen Sie zu sich:

"Das ist schwer gerade. Ich darf mir selbst ein guter Freund sein."

Selbstmitgefühl ist das Gegenmittel zur Selbstverurteilung, die oft mit der Angst vor dem Alleinsein einhergeht.

 

Übung 3: Journaling

 

Schreiben Sie täglich:

"Was habe ich heute über mich gelernt?"

Diese einfache Frage hilft, eine innere Beziehung zu sich selbst aufzubauen. Sie werden zum Beobachter Ihres eigenen Lebens.

 

Übung 4: Der innere Dialog

 

Wenn Panik aufkommt, fragen Sie den ängstlichen Anteil in Ihnen:

"Was brauchst du gerade?"

Oft will dieser Anteil einfach gehört werden, nicht ignoriert oder weggedrückt. Geben Sie ihm Raum, aber lassen Sie ihn nicht das Steuer übernehmen.

 

Übung 5: Ressourcen-Anker

 

Erstellen Sie eine Liste mit Aktivitäten, die Sie allein genießen können: ein Spaziergang in der Natur, Malen, Kochen, Musik hören, ein Bad nehmen. Wenn die Angst kommt, haben Sie einen "Notfallplan", der Sie mit sich selbst verbindet, statt Sie von der Angst überwältigen zu lassen.

 

Übung 6: Systemische Fragen

 

"Wenn diese Angst eine Stimme hätte, was würde sie sagen?"

Oder:

"Wer in meiner Familie hatte auch Angst vor dem Alleinsein?"

Solche Fragen helfen, die Angst im größeren Kontext zu verstehen und sich davon zu distanzieren.



10. Fallbeispiel: Susanne und das zwanghafte Geben


Susanne, 54 Jahre, Lehrerin, suchte Therapie wegen einer "Ehekrise". Doch schon bald wurde klar: Das eigentliche Thema war ihr zwanghaftes Bedürfnis, für andere da zu sein. Sie konnte nicht Nein sagen, half jedem und überall, brachte ständig Geschenke mit – und fühlte sich trotzdem leer.

"Wenn ich nichts für andere tue, bin ich nichts wert",

sagte sie.

 

Ihre Angst vor dem Alleinsein zeigte sich indirekt: Sie vermied jede Situation, in der sie "nur für sich" sein könnte. Sogar ihre freien Abende füllte sie mit ehrenamtlicher Arbeit. Die Vorstellung, einfach zu Hause zu sein, ohne für jemanden da zu sein, löste Panik in ihr aus. "Was würde ich dann überhaupt machen?", fragte sie. "Wer wäre ich dann?"

 

In der Genogramm-Arbeit entdeckten wir: Ihre Mutter war nach dem Krieg als Kind allein gewesen – eine traumatische Erfahrung. Diese Angst vor dem Alleinsein wurde transgenerational weitergegeben, verbunden mit der Überzeugung:

"Nur wer für andere nützlich ist, hat ein Recht zu existieren."

Susanne trug diese Last, ohne es zu wissen.

 

Wir arbeiteten mit dem Konzept der "Rückgabe": Susanne durfte symbolisch diese Last an ihre Mutter zurückgeben. Sie musste nicht mehr für die unerfüllten Bedürfnisse ihrer Mutter sorgen. Gleichzeitig übten wir mit kleinen Schritten: "Einen Abend nur für mich. Was würde ich gern tun, wenn niemand zuschaut?" Anfangs fiel ihr nichts ein. Mit der Zeit kamen Antworten: Lesen, Gartenarbeit, einfach dasitzen und Tee trinken.

 

Nach einiger Zeit berichtete Susanne: "Ich habe letzte Woche zum ersten Mal einen ganzen Sonntag allein verbracht – ohne schlechtes Gewissen. Ich habe einfach meinen Garten gepflegt. Es war so friedlich. Und das Verrückte: Ich habe mich nicht einsam gefühlt. Ich war einfach da, mit mir."



11. FAQ: Häufig gestellte Fragen


Ist Angst vor dem Alleinsein eine psychische Störung?

Angst vor dem Alleinsein ist an sich keine diagnostizierbare Störung, kann aber als Symptom verschiedener Störungen auftreten (z.B. Angststörungen, Bindungsstörungen, abhängige Persönlichkeitsstörung). In der systemischen Therapie sehen wir sie als Ausdruck von Beziehungsmustern, nicht als pathologisches Defizit.

Kann man Angst vor dem Alleinsein überwinden?

Ja, definitiv. Es ist ein Prozess, der Zeit braucht, aber mit therapeutischer Unterstützung und gezielten Übungen kann die Angst deutlich reduziert werden. Viele meiner Klienten berichten, dass sie nach der Therapie nicht nur das Alleinsein aushalten, sondern sogar schätzen lernen.

Wie unterscheidet sich die Angst vor dem Alleinsein von Trennungsangst?

Trennungsangst bezieht sich spezifisch auf die Angst, von bestimmten Bezugspersonen getrennt zu werden, während die Angst vor dem Alleinsein sich auf den Zustand des Alleinseins generell bezieht. Oft überlappen sich diese Ängste, haben aber unterschiedliche Wurzeln und therapeutische Ansätze.

Ist es normal, manchmal Angst vor dem Alleinsein zu haben?

Ja, gelegentliche Unbehaglichkeit mit dem Alleinsein ist normal. Problematisch wird es, wenn die Angst Ihr Leben einschränkt, Entscheidungen dominiert oder Sie in ungesunden Beziehungen hält. Dann ist therapeutische Unterstützung sinnvoll.

Welche Rolle spielt Co-Abhängigkeit bei der Angst vor dem Alleinsein?

Co-Abhängigkeit und Angst vor dem Alleinsein gehen oft Hand in Hand. Co-abhängige Menschen definieren ihren Wert über Beziehungen und die Fürsorge für andere. Alleinsein wird dann gleichgesetzt mit Wertlosigkeit. Die therapeutische Arbeit konzentriert sich darauf, Selbstwert unabhängig von Beziehungen zu entwickeln.

Kann Meditation bei Angst vor dem Alleinsein helfen?

Ja, Meditation und Achtsamkeitsübungen können sehr hilfreich sein. Sie lehren Sie, mit unangenehmen Gefühlen präsent zu sein, ohne von ihnen überwältigt zu werden. Allerdings ersetzt Meditation keine Therapie, wenn die Angst traumatische Wurzeln hat.

Wie lange dauert es, die Angst vor dem Alleinsein zu überwinden?

Das ist sehr individuell und hängt von den Ursachen und der Schwere der Angst ab. Manche Klienten erleben nach wenigen Monaten deutliche Verbesserungen, andere brauchen ein bis zwei Jahre therapeutischer Arbeit. Wichtig ist: Jeder kleine Schritt zählt.

Was ist der Unterschied zwischen introvertierten Menschen und Menschen mit Angst vor dem Alleinsein?

Introvertierte Menschen schöpfen Energie aus dem Alleinsein und genießen es oft. Menschen mit Angst vor dem Alleinsein dagegen empfinden es als bedrohlich, unabhängig von ihrer Persönlichkeitsstruktur. Man kann introvertiert sein und trotzdem Angst vor dem Alleinsein haben – das sind zwei unterschiedliche Dimensionen.


12. Fazit: Angst vor dem Alleinsein


Die Angst vor dem Alleinsein ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine verständliche Reaktion auf frühe Erfahrungen und Beziehungsmuster. In meiner Arbeit als systemischer Psychotherapeut sehe ich immer wieder: Diese Angst erzählt eine Geschichte – über Bindungserfahrungen, über transgenerationale Weitergabe von Trauma, über gesellschaftliche Prägungen und über die Art, wie wir gelernt haben, unseren Wert zu definieren.

 

Die gute Nachricht: Die Fähigkeit, mit sich selbst in Frieden zu sein, ist erlernbar. Es braucht Mut, sich dieser Angst zu stellen, und oft therapeutische Unterstützung. Aber auf der anderen Seite wartet eine tiefere Form von Freiheit – die Freiheit, Beziehungen aus Wahl zu leben, nicht aus Angst. Die Freiheit, bei sich selbst anzukommen.

 

Wenn Sie merken, dass die Angst vor dem Alleinsein Ihr Leben einschränkt, zögern Sie nicht, professioneller Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Der erste Schritt ist oft der schwerste – aber auch der wichtigste.

 

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13. Über mich: Psychotherapeut Mag. Christian Asperger


Psychotherapeut Mag. Christian Asperger

In meiner Rolle als Psychotherapeut integriere ich meine langjährige Erfahrung aus meiner Praxis als Psychotherapeut sowie als Führungskraft in Konzernen mit einer soliden Ausbildung in systemischer Psychotherapie und Coaching.


Mein Ansatz basiert auf dem Verständnis der Menschen im Kontext ihrer sozialen Beziehungen und der Konzentration auf das "Wie" gegenwärtiger Situationen. Ich betrachte Klienten als Experten ihrer eigenen Fälle und vermeide es, Themen zu vertiefen, die sie nicht aktiv einbringen.


Gerne unterstütze ich Sie in meiner Praxis in Wien, um die Arbeit mit Ihrem Thema zu starten. Gemeinsam finden wir Ihren individuellen Weg zu einer glücklichen Beziehung zu sich selbst zurück.





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