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Mag. Christian Asperger

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Erfahrungen an einer Sozialpsychiatrischen Tagesklinik

Aktualisiert: März 22

Wie funktioniert der Transfer von psychotherapeutischen Erfahrungen während eines klinischen Aufenthalts in das soziale Leben der Patienten? Welchen positiven Beitrag kann dabei das Konzept einer Sozialpsychiatrischen Tagesklinik liefern?




Die Institution einer Sozialpsychiatrischen Tagesklinik richtet sich einerseits an Patienten unmittelbar nach einem stationären Aufenthalt und andererseits auch an potentielle Teilnehmer von außerhalb der Klinik. Es arbeitet ein Team bestehend aus Psychiatern, Pflege, Psychologen, Psycho-, Musik- und Ergotherapeuten unter einer kollegialen Führung zusammen. Generell hat die Tagesklinik das Ziel den Patienten eine geregelte Tages- und Wochenstruktur zu schaffen. Der Tagesablauf jedes einzelnen Patienten wird abwechselnd von Therapieeinheiten und Entspannungsphasen mit der Möglichkeit des privaten Rückzugs bestimmt.


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Transfer von Psychotherapie aus dem geschützten Rahmen ins eigene Lebensumfeld


Das Besondere an einer Tagesklinik ist die Verknüpfung von Lebens- und Behandlungssituation. Der Patient ist acht Stunden pro Tag in einer Therapiesituation, gleichzeitig bleibt er aber am Abend und an Wochenenden weiter in Kontakt zu seiner Familie und seinem sozialen Umfeld. Somit sind alle Therapieentscheidungen auf das soziale Leben zu Hause bzw. das Berufsleben ausgerichtet. Durch die Anbindung an das eigentliche Leben außerhalb des Klinikums fühlen sich die Patienten während ihrer Behandlung weniger isoliert und können so trotzdem aus einem geschützten Bereich als Rückzugsmöglichkeit agieren. Über den mehrwöchigen Aufenthalt hinweg können so die erreichten Therapieerfolge und alles Erlernte unmittelbar in den Alltag einfließen. Dieses „learning by doing“ ermöglicht den Patienten so unmittelbares Feedback und wirkt zusätzlich motivierend.


Vorrangiges Ziel der Tagesklinik ist es eine Möglichkeit zur umfassenden Behandlung einer ausgewählten Patientengruppe zu vermitteln, die durch ihre Krankheit so beeinträchtigt sind, dass sie die Dienstleistungen einer psychiatrischen Klinik benötigen, aber dennoch einen Teil ihrer Zeit zu Hause verbringen können. Zugleich bieten sie eine ausgedehnte und intensive Rehabilitation für ausgewählte rekonvaleszente, stationäre Patienten in der Übergangsphase zwischen Klinik und zu Hause an. Die Übergangsfunktion der Tagesklinik betrifft sowohl Akutkranke wie chronisch kranke Patienten, denen es so gut geht, dass sie keiner Rundumversorgung bedürfen, aber andererseits noch nicht so weit sind, dass sie ganz zu Hause leben können.


Wie schon erwähnt, arbeitet an der Tagesklinik ein interdisziplinäres Team aus Fachärzten der Psychiatrie, psychiatrisches Pflegepersonal und Therapeuten unterschiedlicher Fachrichtungen zusammen. Die Kombination von unterschiedlichen Settings (Gruppen-, Einzelpsychotherapie) und Verfahren (psychoanalytische Psychotherapie, systemische Paar- und Familientherapie, körperbezogene Therapie, Musik- und Ergotherapie, kognitive-psychoedukative Therapie, etc.) ist ein wichtiger und sinnvoller Bestandteil des therapeutischen Alltags in der Tagesklinik. Diese Palette von Behandlungsangeboten ist von verschiedenen therapeutischen Schulen und Ansätzen geprägt.


Aus all diesen unterschiedlichen Therapieangeboten wird dem Patienten ein individuelles Programm aus Einzel- und Gruppentherapien zusammengestellt. Auf Basis des Austauschs der Eindrücke und Fortschritte in den regelmäßigen Teamsitzungen und dem persönlichen Feedback des Patienten kann das Therapieangebot im Laufe des Aufenthalts adaptiert werden. So kann es sein, dass bei einem Patient die Behandlungsbeziehung eher auf der kognitiven und bei einem anderen dafür auf der körperlichen Ebene besser wirkt. Gerade bei Patienten, bei denen zu Beginn des Aufenthalts starke somatische Beschwerden im Vordergrund stehen, kann es hier zu Adaptionen des Therapieangebotes kommen.


Mit jedem einzelnen Patienten wird nach dem Aufnahmegespräch ein persönlicher Plan mit individuellen Zielen für den Verlauf des Aufenthalts besprochen und vereinbart. Dabei wird natürlich sowohl auf die Patientengeschichte, die aktuelle Diagnose bzw. zu behandelnde psychische Erkrankung und die persönlichen Ziele des Patienten Rücksicht genommen. Die gemeinsam erarbeiteten Ziele werden in einem Therapieplan festgehalten. Dieser Tages- und Wochenplan beinhaltet neben einer täglichen ärztlichen Vitalkontrolle sowie Gruppen- und Einzeltherapiesettings auch persönliche Ruhe- und Eigenzeiten zur Erholung. In Summe ergibt sich aber ein geregelter achtstündiger Tagesablauf an fünf Wochentagen. Dadurch bekommen die Patienten eine feste Struktur mit einem vorgegebenen Programm zur Orientierung und Förderung des Antriebs. Durch die tägliche Anreise an die Tagesklinik mit fixen Startzeiten in der Früh haben die Patienten bereits hier eine Struktur, an die sie sich an einen anschließenden Wiedereintritt in die Berufs- und Arbeitswelt in den 6-8 Wochen gewöhnen können. Genau diese Routine des Tagesablaufs wieder schaffen zu können, ist bereits ein erstes Ziele vieler Patienten.


Ein zweites wichtiges Ziel ist die Interaktion mit anderen Menschen und das Knüpfen von sozialen Kontakten. Ein Großteil der Patienten lebte vor dem Aufenthalt an der Tagesklinik aufgrund einer psychischen Erkrankung eher zurückgezogen oder kam nur mit einem kleinen Kreis an Personen in soziale Interaktion. Durch die Integration in die Gruppe kommen die Patienten sehr rasch mit vielen unterschiedlichen Persönlichkeiten in Kontakt. Dazu kommen noch die strukturierten Kontakte mit Ärzten, Pflegepersonal und Therapeuten in Einzel- oder Gruppentherapien. Dies kann im Einzelfall zu Beginn des Aufenthalts auch zu einer Überforderung kommen. Umso wichtiger ist es, dass die Patienten hier im Bedarfsfall eine Rückzugsmöglichkeit in der Einrichtung vorfinden.


Als drittes und für den Patienten wahrscheinlich wichtigstes Ziel wird zumeist eine Stabilisierung nach einer psychischen Erkrankung oder gute Bewältigung des Alltags im sozialen Umfeld nach einer Entlassung formuliert. Hier kann es zu sehr unterschiedlichen Zielformulierungen kommen, die im Einzelfall stark von der persönlichen Krankengeschichte, dem familiären oder beruflichen Umfeld abhängen.

Die generelle Wirksamkeit von Tageskliniken wird in der Literatur öfter vorgebracht. Die Effektivität einer tagesklinischen Behandlung gilt im Vergleich mit der stationären Behandlung als belegt. Deutlich ist zudem, dass bei Patienten und Angehörigen die tagesklinische Behandlung zu einer höheren Behandlungszufriedenheit führt.


Während meines klinischen Praktikums konnte ich den Aufenthaltsverlauf der Patienten beobachten. Meine persönliche Erfahrung hat gezeigt, dass gerade durch die Interaktion der Patienten mit ihrem gewohnten sozialen Umfeld während des Aufenthalts psychosozial-dynamische Prozesse zur Veränderung der Situation des Patienten beitragen. Die Patienten können die in den Therapien und Besprechungen erlernten bzw. reflektierten Themen unmittelbar während des Aufenthalts zu Hause anwenden und ihr Leben einfließen lassen. Die Reaktionen des Umfelds sowie eigene Wahrnehmungen können danach wieder im geschützten Rahmen des therapeutischen Settings Tagesklinik eingebracht und bearbeitet werden. Dadurch nimmt auch der Behandlungsverlauf des Aufenthalts eine psycho-dynamische Form an.


So können beispielsweise Patienten mit psychosomatischen Beschwerden feststellen, wann, wo und unter welchen Bedingungen stärker oder schwächer auftreten. Ich konnte beobachten, dass bei dieser Patienten-Zielgruppe die ersten 2 Wochen zumeist die körperlichen Beschwerden im Vordergrund standen und immens viel Raum in den Therapien eingenommen hatten. Einige Patienten wurden von diesen Beschwerden bereits viele Jahre oder gar Jahrzehnte belastet und hatten zum Teil auch noch gar keine Einsicht, dass diese mit psychischen Problemen in Verbindung stehen würden. Hier waren es vor allem psycho-edukative Therapieelemente die, wenn teilweise auch nur sehr langsam, Krankheitseinsicht, herbeiführen konnten. Oft war es sehr schwierig den Fokus der Patienten auf andere Inhalte als ihre somatischen Beschwerden zu lenken. Wirksam erschienen mir hier vor allem für den Patienten eher unbekannte Zugänge wie z.B. die Musiktherapie oder hypnotherapeutische Zugänge, sobald sich die Patienten darauf auch einlassen konnten. Wenn sie erstmal positive Erfahrungen gemacht hatten, dass es in den Therapien auch Situationen ohne somatischer Beschwerden gab, konnte man diesen Ankerpunkt für das weitere Arbeiten nutzen.


Darüber hinaus bietet die Tagesklinik vor allem für Patienten nach einem stationären Aufenthalt eine gute Möglichkeit aus einem geschützten Rahmen heraus wieder in ihr gewohntes soziales Umfeld integriert zu werden. Gerade bei Erkrankungen nach einem Suizidversuch kann diese Form der teilstationären Behandlung zu einer immensen Entlastung der Patienten beitragen. So verbringen die Patienten zwar die Nacht und Wochenenden daheim, haben aber eine professionelle Anlaufstelle mit entsprechender Versorgung untertags. Durch das Ausfüllen eines Suiziddatenblatts wird auf der Station noch mal die Distanzierung zum Selbstmordversuch abgeklärt bzw. mit dem Patienten besprochen. Dadurch kann das Ereignis für den Patienten bearbeitet und abgeschlossen werden. Durch die Anbindung an das Team soll das Vertrauensverhältnis zum Patienten gestärkt werden und allfällige neuerliche Selbstmordgedanken schon früh erkannt und besprochen werden.


Auch bei Patienten mit schweren Depressionen bietet die fixe Tages- und Wochenstruktur mit Therapieplänen einen Rahmen zur Stärkung des Antriebs. Dazu zeigen sich insbesondere die soziale Interaktion mit anderen Patienten der Tagesklinik, der Austausch über gemeinsam besuchte Gruppenangebote oder die Krankheitsgeschichte und individuelle Bewältigungsstrategien als sehr antriebsförderlich. Gerade der ressourcenorientierte Zugang des Behandlungsteams stärkt das eigene Selbstwertgefühl der Patienten. Können sie die emotionale Bestätigung dann auch gleich unmittelbar am Abend oder an den Wochenenden aus ihrem gewohnten sozialen Umfeld wahrnehmen, verstärkt dies den therapeutischen Erfolg umso mehr.


Abschließend kann ich somit sagen, dass ich in meinen Beobachtungen und Erfahrungen im Praktikum einen sehr positiven Eindruck des Settings einer Sozialpsychiatrischen Tagesklinik für mich mitnehmen kann. Es gab viele Situationen und Beispiele in denen ich während des Aufenthalts der Patienten einen Transfer der psychotherapeutischen Erfahrungen aus dem geschützten teilstationären Bereich in das reale soziale Umfeld der Patienten beobachten konnte oder auch die Reflexion der Patienten mit den Therapeuten an der Tagesklinik neue Sichtweisen oder gar Haltungen der Patienten ermöglichen konnte.


* Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit verwende ich abwechselnd die weibliche oder männliche Form. Männer und Frauen sind natürlich gleichermaßen angesprochen.

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