Er zieht sich zurück, weil er Gefühle hat: Was bedeutet das?
- Christian Asperger
- 23. Sept.
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 13. Nov.
Vielleicht kennen Sie die Situation: Sie fühlen sich einem Menschen sehr verbunden, genießen die Nähe und glauben, endlich auf einer tieferen Ebene zueinanderzufinden – und plötzlich zieht er sich zurück. Er meldet sich weniger, wirkt distanziert oder sucht Ablenkung in Arbeit, Hobbys oder Freundeskreisen. Zurück bleibt Verwirrung: Hat er das Interesse verloren? Oder bedeutet gerade sein Rückzug, dass er Gefühle hat und damit überfordert ist?
Genau diese Erfahrung machen viele Frauen und Männer, unabhängig davon, ob sie sich gerade erst kennenlernen oder schon lange in einer Partnerschaft leben. Rückzug kann viele Ursachen haben – und er wirft oft mehr Fragen auf als er beantwortet. In diesem Artikel erfahren Sie, welche Signale auf „Gefühle im Rückzug“ hindeuten können, welche Gründe dahinterstecken, und wie ein konstruktiver Umgang damit möglich ist.

Er zieht sich zurück, weil er Gefühle hat: Was bedeutet das?
Die wichtigsten Punkte im Überblick:
Rückzug bedeutet nicht automatisch fehlendes Interesse – oft ist es ein Hinweis auf innere Unsicherheit oder Überforderung.
Typische Anzeichen sind Schweigen, Vermeidung von Nähe, Flucht in Arbeit oder Hobbys oder das Aufschieben gemeinsamer Aktivitäten.
Ursachen reichen von Angst vor Nähe und Verlust über Stress, Scham und Schuldgefühle bis hin zu psychischen Belastungen wie Depressionen.
Die Erfahrung kann verletzend sein und alte Kränkungen aktivieren – wichtig ist, die eigenen Grenzen zu wahren.
In Paarbeziehungen zeigt sich oft ein Pendeln zwischen Nähe und Distanz. Dieses Muster lässt sich verstehen und bearbeiten.
Paartherapie kann helfen, unausgesprochene Gefühle sichtbar zu machen und den Weg zwischen Autonomie und Zugehörigkeit neu auszubalancieren.
Podcast - Rückzug bei Gefühlen
Inhalt
1. Anzeichen: Woran Sie erkennen, dass er sich zurückzieht, weil er Gefühle hat
Nicht jeder Rückzug bedeutet fehlendes Interesse. Manchmal zeigt sich darin die Überforderung mit Gefühlen, die zu stark oder zu neu sind.
Typische Signale können sein:
Er meldet sich seltener, ohne eine klare Erklärung.
Er wirkt nach einem besonders nahen Moment distanziert.
Gespräche über Gefühle, Beziehung oder Zukunft werden vermieden.
Er lenkt sich durch Arbeit, Sport oder Freunde ab.
Er zieht sich nach Konflikten zurück, statt die Nähe wiederherzustellen.
2. Typische Muster und Beispiele für Rückzug
Rückzug kann in ganz unterschiedlichen Phasen einer Beziehung auftreten:
Kennenlernphase / Ghosting: Ein vielversprechender Kontakt bricht plötzlich ab, ohne Erklärung.
Flucht in Arbeit oder Hobbys: Der Partner wirkt beschäftigt und überlastet, hat aber in Wahrheit Schwierigkeiten mit Nähe.
Nach einem Streit: Rückzug dient als Selbstschutz, verstärkt aber oft das Gefühl von Distanz.
Wunsch nach Fernbeziehung: Nähe wird kontrollierbarer, wenn räumliche Distanz eingebaut ist.
Plötzlicher Rückzug ohne Grund: Gefühle werden zu intensiv, und die einzige bekannte Strategie ist Abstand.

3. Ursachen und Gründe für Distanz trotz Nähe
Wenn er sich zurückzieht, obwohl er Gefühle hat, können folgende Gründe dahinterstecken:
Unsicherheit: Zweifel, ob man den Erwartungen des anderen genügt.
Angst vor Nähe oder Vereinnahmung: Die Sorge, sich selbst zu verlieren.
Angst vor Verlust: Wer einmal schmerzhaft verlassen wurde, fürchtet unbewusst die Wiederholung.
Überforderung und Stress: Berufliche Belastungen lassen keinen Raum für Emotionen.
Scham und Schuld: Alte Prägungen oder Affären können Rückzug verstärken.
Außenbeziehungen: Eine Affäre dient manchmal als Ventil für verdrängte Bedürfnisse.
Psychische Erkrankungen: Depressionen, Angststörungen oder Persönlichkeitsstörungen beeinflussen Bindungsverhalten massiv.
4. Umgang mit Verletzung, Enttäuschung und Selbstschutz
Wenn Sie erleben, dass Ihr Partner sich zurückzieht, kann das sehr schmerzhaft sein. Häufig stellt sich die Frage: „Wie konnte ich mich so täuschen?“ oder „Warum fühle ich mich zurückgewiesen?“
Hilfreiche Schritte:
Eigene Gefühle anerkennen: Verletzung, Kränkung oder Wut sind verständlich.
Grenzen setzen: Nähe braucht Freiwilligkeit. Sie dürfen sich schützen.
Kommunikation suchen: Offene Gespräche über Unsicherheiten sind zentral.
Realistische Erwartungen prüfen: Nicht jeder Mensch kann mit der gleichen Tiefe an Nähe umgehen.
Unterstützung holen: Paartherapie oder Psychotherapie bieten einen sicheren Rahmen, um Muster zu verstehen.
5. Nähe und Distanz: Das Pendel zwischen Autonomie und Zugehörigkeit
Jede Beziehung bewegt sich zwischen zwei Polen: dem Bedürfnis nach Nähe und Zugehörigkeit und dem Wunsch nach Freiheit und Autonomie. Rückzug ist oft ein Versuch, dieses Gleichgewicht herzustellen.
Die Kunst liegt darin, beide Bedürfnisse anzuerkennen – die eigenen ebenso wie die des Partners. Statt Rückzug als Ablehnung zu deuten, kann er ein Signal sein: „Ich brauche Raum, um mich wieder als eigenständige Person zu spüren.“ In Paartherapien geht es oft darum, einen gemeinsamen Rhythmus von Nähe und Distanz zu finden.

6. Fallbeispiele aus der Praxis der Paartherapie
Beispiel 1: On/Off-Beziehung mit starker Anziehung und Eskalationen
Anna und Mark erleben von Beginn an eine starke körperliche und emotionale Anziehung. Doch nach intensiven Phasen folgt fast zwangsläufig eine Eskalation: Vorwürfe, Demütigungen, sogar Drohungen. Mark zieht sich zurück, weil er Gefühle hat, aber die Intensität ihn überrollt. In der Therapie lernen beide, dass ihre Muster mit alten Bindungserfahrungen zusammenhängen. Nur durch klare Abgrenzung und bewusste Kommunikation können sie einen neuen Weg finden.
Beispiel 2: Langjährige Beziehung mit wachsender Distanz
Petra und Klaus sind seit fast 30 Jahren ein Paar. Nach außen wirken sie perfekt, doch die Intimität nimmt ab. Klaus spürt die eigene Vergänglichkeit, sehnt sich nach Lebendigkeit und beginnt eine Affäre. Sein Rückzug ist ein Ausdruck von Angst, festgefahren zu sein. In der Therapie erkennen beide, dass Nähe nicht nur körperlich, sondern auch im Alltag gepflegt werden will.
Beispiel 3: Junge Familie und die Rolle von Nähe, Elternschaft und Partnerschaft
Sabine und Thomas haben zwei kleine Kinder. Sabine geht in ihrer Mutterrolle auf, während Thomas sich zunehmend ausgeschlossen fühlt. Er zieht sich zurück, weil er das Gefühl hat, als Mann und Partner keine Rolle mehr zu spielen. In der Paartherapie lernen sie, wieder Raum für Zärtlichkeit und Paarzeit zu schaffen, ohne die Elternschaft zu vernachlässigen.
7. FAQ: Häufige Fragen und Antworten
Warum zieht er sich zurück, wenn er Gefühle hat?
Oft ist der Rückzug ein Schutzmechanismus. Gefühle können überwältigend sein, vor allem wenn alte Verletzungen oder Bindungsängste berührt werden.
Ist Rückzug ein Zeichen von Desinteresse?
Nicht zwingend. Rückzug kann genauso Ausdruck innerer Unsicherheit, Angst oder Überforderung sein.
Wie soll ich reagieren, wenn mein Partner plötzlich auf Distanz geht?
Bleiben Sie ruhig, suchen Sie das Gespräch, benennen Sie Ihre Gefühle – und vermeiden Sie Vorwürfe.
Wie lange sollte ich warten, wenn er sich zurückzieht?
Es gibt keine feste Regel. Wichtig ist, dass Sie Ihre eigenen Grenzen spüren und kommunizieren: Wie lange möchten Sie Verständnis aufbringen, ohne selbst zu kurz zu kommen?
Kann Rückzug auch ein Test sein, um zu sehen, wie wichtig ich ihm bin?
Manche Menschen ziehen sich zurück, um Sicherheit zu gewinnen – bewusst oder unbewusst. Dennoch ist das keine gesunde Form der Beziehungsgestaltung.
Was bedeutet Rückzug nach einem Streit?
Viele ziehen sich nach Konflikten zurück, um ihre Gefühle zu sortieren. Problematisch wird es, wenn Rückzug dauerhaft Nähe verhindert.
Warum ziehen sich Männer öfter zurück als Frauen?
Studien zeigen, dass Männer häufiger dazu neigen, Emotionen über Rückzug zu regulieren. Das hat oft mit gesellschaftlichen Erwartungen, Erziehung und Rollenbildern zu tun.
Kann Rückzug auch ein Hinweis auf Depression oder andere psychische Belastungen sein?
Ja. Anhaltender Rückzug, Antriebslosigkeit oder Gleichgültigkeit können Symptome einer Depression oder anderer psychischer Erkrankungen sein.
Wie erkenne ich, ob er sich zurückzieht, weil er Gefühle hat oder weil er keine Beziehung möchte?
Achten Sie auf sein Verhalten insgesamt: Bleibt er interessiert, zeigt er Zuneigung, sucht er später wieder Nähe? Oder geht er konsequent auf Distanz und meidet Verbindlichkeit?
Hilft es, ihm mehr Freiraum zu geben?
Manchmal ja. Freiraum kann entlasten – solange er nicht zum Dauerzustand wird. Nähe und Distanz brauchen ein ausgewogenes Gleichgewicht.
Soll ich selbst Distanz aufbauen, wenn er sich zurückzieht?
Es kann hilfreich sein, sich nicht komplett auf den anderen zu fixieren. Eigene Interessen, Freunde und Selbstfürsorge geben Stabilität.
Wie kann Paartherapie konkret helfen, wenn er sich zurückzieht?
In der Therapie können Muster sichtbar gemacht und neue Kommunikationswege erarbeitet werden. Beide Partner lernen, ihre Bedürfnisse klarer auszudrücken, ohne Rückzug als einzigen Ausweg zu nutzen.
8. Fazit und Wege in die Veränderung
„Er zieht sich zurück, weil er Gefühle hat“ – dieser Satz kann verwirren und verletzen. Doch Rückzug ist oft kein Zeichen mangelnder Liebe, sondern Ausdruck innerer Konflikte, Ängste oder Überforderung. Entscheidend ist, wie Sie als Paar damit umgehen: Ob Sie Wege finden, Nähe und Distanz in Balance zu bringen, oder ob die Distanz irgendwann unüberbrückbar wird.
Wenn Sie das Gefühl haben, in Ihrer Beziehung an solchen Punkten festzustecken, kann professionelle Unterstützung helfen. In einem geschützten Rahmen ist es möglich, alte Muster zu durchbrechen, Missverständnisse zu klären und neue Formen der Nähe zu entwickeln.
9. Über mich: Psychotherapeut Mag. Christian Asperger

Ich bin Psychotherapeut mit Spezialisierung auf systemische Familientherapie und Paartherapie. Ich begleite seit vielen Jahren Menschen in schwierigen Lebensphasen. Gemeinsam mit meiner Co-Therapeutin Kaija und Ihrer Mitarbeit helfe ich Ihnen, Ihre Gefühle und Gedanken zu verstehen, zu verarbeiten und den richtigen Umgang mit Ihnen zu lernen. Dabei sehe ich Psychotherapie nicht nur als Beruf, sondern als meine Leidenschaft und Berufung.
Durch meine langjährige Erfahrung verfüge ich über ein hohes Maß an zwischenmenschlichem Verständnis und praktischer Kompetenz.
Gerne unterstütze ich Sie in meiner Praxis in Wien, um die Arbeit mit Ihrem Thema zu starten. Gemeinsam finden wir Ihren individuellen Weg zu einer glücklichen Beziehung zu sich selbst zurück.
