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Systemischer Ansatz in der Psychotherapie: Wie er Beziehungen und Probleme löst

  • Autorenbild: Christian Asperger
    Christian Asperger
  • vor 20 Stunden
  • 8 Min. Lesezeit

"Mein Partner ist das Problem", sagt sie in der ersten Sitzung. "Wenn er sich ändern würde, wäre alles gut." Eine verständliche Sichtweise – aber aus systemischer Perspektive unvollständig.


Der systemische Ansatz in der Psychotherapie fragt nicht "Wer hat Schuld"', sondern "Welches Muster hält das Problem aufrecht?" Diese Perspektive verändert alles – die Diagnose, die Intervention, die Lösung. Als systemischer Psychotherapeut arbeite ich täglich mit diesem Ansatz. Er ist für viele zunächst ungewohnt, aber oft der Schlüssel zu nachhaltiger Veränderung.


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Paar küss sich vor Schriftzug Sex

Das Wichtigste in Kürze: Systemischer Ansatz in der Psychotherapie


  • Der systemische Ansatz betrachtet Probleme im Kontext von Beziehungen und sozialen Systemen, nicht isoliert

  • Statt nach individuellen Defiziten sucht er nach Mustern, Wechselwirkungen und zirkulären Dynamiken

  • Symptome werden als Lösungsversuche verstanden – meist dysfunktional, aber mit einer Funktion im System

  • Die Methoden sind vielfältig: Zirkuläre Fragen, Reframing, Skulpturarbeit, Ressourcenaktivierung

  • Systemische Therapie ist lösungsfokussiert und würdigt bestehende Ressourcen statt nur Defizite zu betrachten


Podcast - Systemische Therapie: Der Tanz zwischen uns


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Inhalt



1. Was ist der systemische Ansatz?

Der systemische Ansatz in der Psychotherapie ist ein ganzheitlicher Blick auf menschliche Probleme.

 

Der Mensch im Kontext. Traditionelle Psychotherapie fragt oft: "Was ist mit diesem Menschen falsch?"

Systemische Therapie fragt:

"Was passiert in den Beziehungen und Systemen, in denen dieser Mensch lebt"

Ein simples Beispiel: Eine Frau leidet unter Ängsten. Die individuelle Perspektive sucht nach Ursachen in ihrer Psyche. Die systemische Perspektive fragt: In welchem familiären, beruflichen, sozialen Kontext entstehen diese Ängste? Welche Funktion könnten sie haben?

 

Das System als Einheit. Menschen leben in Systemen – Familien, Paarbeziehungen, Arbeitsumfeldern. Diese Systeme funktionieren nach eigenen Regeln. Das, was in der Einzelperspektive irrational erscheint, ergibt im Systemkontext oft Sinn. Ein Kind, das ständig Probleme macht, hält vielleicht die Eltern zusammen. Ein Partner, der sich zurückzieht, reagiert auf die Nähe-Distanz-Dynamik der Beziehung.

 

Nicht gegen den Einzelnen. Ein häufiges Missverständnis: Systemisch bedeutet nicht, dass individuelle Erfahrungen unwichtig sind. Im Gegenteil. Aber sie werden im Kontext verstanden. Wenn jemand depressiv ist, interessiert mich sowohl die individuelle Erlebnisweise als auch: Wie reagiert das Umfeld? Welche Muster gibt es? Was hält die Depression aufrecht?


2. Grundprinzipien systemischer Psychotherapie

Der systemische Ansatz in der Psychotherapie basiert auf mehreren Kernprinzipien.

 

Zirkularität statt Linearität


Linear denken heißt: A verursacht B.

"Er trinkt, deshalb bin ich unglücklich."

Zirkulär denken heißt: A und B beeinflussen sich gegenseitig.

"Er trinkt, ich ziehe mich zurück. Ich ziehe mich zurück, er trinkt mehr. Er trinkt mehr, ich ziehe mich noch mehr zurück."

Kein Anfang, kein Ende – ein Kreislauf. Diese Perspektive öffnet neue Interventionsmöglichkeiten.

 

Ressourcen- statt Defizitorientierung


Systemische Therapie fragt nicht primär "Was fehlt?", sondern

"Was ist schon da?"

Welche Stärken hat dieser Mensch, diese Familie, dieses Paar? Welche Lösungen haben sie in der Vergangenheit gefunden? Diese Ressourcen werden aktiviert und genutzt.

 

Symptome haben eine Funktion


Symptome sind keine sinnlosen Störungen. Sie erfüllen oft eine Funktion im System – auch wenn sie schmerzhaft sind. Das aggressive Kind lenkt von der Ehekrise ab. Die Panikattacken verhindern, dass jemand eine überfördernde Aufgabe übernehmen muss. Wenn wir die Funktion verstehen, können wir bessere Alternativen finden.

 

Neutralität und Allparteilichkeit


Als systemischer Therapeut nehme ich keine Partei. Ich bin für alle im System da. Das bedeutet nicht Gleichgültigkeit, sondern die Fähigkeit, alle Perspektiven zu würdigen. Jeder hat aus seiner Sicht recht. Meine Aufgabe ist, die verschiedenen Sichtweisen sichtbar zu machen.

 

Lösungs- statt Problemfokus


Natürlich interessiert uns das Problem. Aber noch mehr interessiert uns: Was wäre anders, wenn das Problem gelöst wäre? Wie sähe Ihr Leben dann aus? Diese Lösungsorientierung macht oft mehr Energie frei als endloses Problemwälzen.



Systembrett mit Figuren


3. Wichtige systemische Methoden

Der systemische Ansatz in der Psychotherapie nutzt spezifische Techniken.

 

Zirkuläre Fragen


Statt direkter Fragen ("Wie geht es Ihnen?") stellen wir zirkuläre Fragen:

"Was würde Ihr Partner sagen, wie es Ihnen geht?"

Diese Fragen erschließen neue Perspektiven. Sie machen Muster sichtbar und fördern Empathie. Ein mächtiges Werkzeug.

 

Skalierungsfragen


"Auf einer Skala von 1-10, wo stehen Sie heute?"

Diese Fragen machen Abstraktes konkret. Und sie eröffnen Bewegung:

"Was bräuchte es für einen Punkt mehr?"

Kleine Schritte werden sichtbar.

 

Reframing


Einen neuen Rahmen geben.

Statt

"Er ist kontrollierend" → "Er macht sich Sorgen."

Statt

"Sie ist distanziert" → "Sie braucht Zeit für sich."

Reframing verändert die Bedeutung und damit die emotionale Reaktion.

 

Genogrammarbeit


Der Familienstammbaum als therapeutisches Werkzeug. Wir zeichnen nicht nur Namen auf, sondern Beziehungen, Muster über Generationen, Ressourcen und Belastungen. Oft werden dabei Zusammenhänge sichtbar, die vorher im Dunkeln lagen.

 

Skulptur- und Aufstellungsarbeit


Beziehungen werden im Raum dargestellt – mit Menschen, Figuren oder Symbolen. Diese räumliche Dimension macht Dynamiken unmittelbar erlebbar. Nähe, Distanz, Hierarchien werden sichtbar.

 

Die Wunderfrage


"Angenommen, über Nacht geschieht ein Wunder und Ihr Problem ist gelöst. Was wäre morgen anders?"

Diese Frage umgeht Problemfokussierung und aktiviert Lösungsfantasie. Sie zeigt oft überraschend konkrete Ziele.



Psychotherapeut Mag. Christian Asperger

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4. Unterschiede zu anderen Therapieformen

Wie unterscheidet sich der systemische Ansatz in der Psychotherapie von anderen Verfahren?

 

vs. Psychoanalyse


Psychoanalyse sucht Ursachen in der Vergangenheit, in unbewussten Konflikten. Systemische Therapie interessiert sich für aktuelle Muster und Zukunft. Nicht "Warum?" sondern "Wozu?" und "Was wäre, wenn?"

 

vs. Verhaltenstherapie


Verhaltenstherapie fokussiert auf individuelles Verhalten und dessen Veränderung. Systemische Therapie sieht Verhalten im Beziehungskontext. Ein Verhalten kann sich ändern, weil sich die Beziehungsdynamik ändert – nicht nur durch direktes Training.

 

vs. Humanistische Ansätze


Gesprächspsychotherapie und andere humanistische Ansätze betonen Selbstaktualisierung des Individuums. Systemische Therapie betont Beziehungen und Wechselwirkungen. Beides hat Wert – oft ergänzen sich die Ansätze.

 

Wichtig: Diese Unterschiede sind idealtypisch. In der Praxis kombinieren viele Therapeuten Ansätze. Ich selbst nutze systemisches Denken als Grundlage, integriere aber Elemente aus anderen Verfahren, wenn es hilfreich ist.


5. Für welche Probleme eignet sich systemische Therapie?


Der systemische Ansatz in der Psychotherapie ist breit einsetzbar, hat aber besondere Stärken.

 

Besonders geeignet für:


  • Beziehungsprobleme: Paarkonflikte, Familienkonflikte, Schwierigkeiten im sozialen Umfeld

  • Erziehungsthemen: Schwierigkeiten mit Kindern und Jugendlichen im Familienkontext

  • Berufliche Konflikte: Probleme im Team, mit Vorgesetzten, organisationale Herausforderungen

  • Lebenskrisen: Trennung, Verlust, Übergänge

  • Psychosomatische Beschwerden: Wenn körperliche Symptome mit Beziehungsdynamiken zusammenhängen

 

Auch hilfreich bei:


  • Depressionen – besonders wenn soziale Isolation eine Rolle spielt

  • Angststörungen – wenn sie in Beziehungskontexten auftreten

  • Essstörungen – die oft Familiendynamiken widerspiegeln

  • Suchtproblematiken – im Kontext von Beziehungen

 

Weniger geeignet für:


Bei akuten psychiatrischen Krisen (Psychosen, schwere Suizidalität) ist oft zunächst andere Behandlung nötig. Bei Traumata kann eine Kombination mit traumaspezifischen Verfahren sinnvoll sein. Systemische Therapie ist kein Allheilmittel, aber ein sehr flexibler Ansatz.


Frau mit Schild "Speak Positive"


6. Fallbeispiele aus der Praxis

Diese Beispiele zeigen den systemischen Ansatz in der Psychotherapie in Aktion.

 

Fall 1: Die überforderte Mutter


Ausgangssituation: Sabine (38) kommt wegen Burnout. Zwei Kinder, Vollzeitjob, Haushalt. 'Ich schaffe es nicht mehr.' Sie wirkt erschöpft, verzweifelt.

 

Systemische Analyse: Statt nur nach Sabines Belastbarkeit zu fragen, schaue ich auf das System. Genogrammarbeit zeigt: In ihrer Herkunftsfamilie war sie immer die Starke. Ihr Partner stammt aus einer Familie, wo Männer wenig Hausarbeit machten. Die Kinder haben gelernt: Mama macht alles.

 

Intervention: Wir laden den Partner ein. Mit zirkulären Fragen:

"Was würde Sabine sagen, wie es ihr geht?"

Er ist überrascht – er hatte keine Ahnung. Wir arbeiten am Muster: Sabine übernimmt, alle lassen sie. Reframing: Ihr "Ich schaffe es nicht" ist kein Versagen, sondern ein wichtiges Signal.

 

Ergebnis: Das Paar verhandelt neu. Der Partner übernimmt mehr. Die Kinder bekommen Aufgaben. Sabine lernt, Grenzen zu setzen. Nach drei Monaten:

"Ich bin nicht mehr perfekt, aber ich bin nicht mehr erschöpft."

 

Fall 2: Der aggressive Teenager


Ausgangssituation: Die Eltern von Leon (15) suchen Hilfe. Er ist aggressiv, respektlos, ständig in Konflikten. "Er braucht Therapie", sagen sie.

 

Systemische Analyse: Ich lade die ganze Familie ein. Beobachtung: Die Eltern streiten nicht – außer über Leon. Wenn über Leon diskutiert wird, sind sie ein Team. Hypothese: Leons Verhalten hält die Eltern zusammen, lenkt von ihrer Ehekrise ab.

 

Intervention: Statt Leon zu pathologisieren, spreche ich die Paardynamik an. Das ist für die Eltern überraschend. Aber sie erkennen: Ja, sie haben Probleme. Wir arbeiten parallel – Eltern an ihrer Beziehung, Leon an seinen Themen. Die Funktion seines Verhaltens wird besprochen.

 

Ergebnis: Als die Eltern ihre Beziehung klären, entspannt sich Leon. Sein aggressives Verhalten nimmt ab. Er brauchte die Rolle des "Problemkinds" nicht mehr.

 

Fall 3: Die unglückliche Perfektionistin


Ausgangssituation: Anna (32), erfolgreiche Juristin, kommt wegen Depressivität.

"Nichts, was ich tue, ist gut genug."

Sie wirkt getrieben, unzufrieden.

 

Systemische Analyse: Genogramm zeigt: Vater war sehr erfolgreich, stellte hohe Anforderungen. Mutter war depressiv. Anna lernte:

"Wenn ich perfekt bin, kann ich Mutter glücklich machen und Vater stolz."

Ein unmöglicher Auftrag.

 

Intervention: Wir arbeiten mit der Wunderfrage:

"Wenn Sie morgen aufwachen und gut genug sind – was wäre anders?"

Sie beginnt zu weinen.

"Ich könnte atmen."

Wir nutzen Teilearbeit: Der perfektionistische Anteil will beschützen. Aber vor was? Vor der Angst, nicht geliebt zu werden.

 

Ergebnis: Anna versteht das transgenerationale Muster. Sie beginnt, sich von unmöglichen Anforderungen zu lösen.

"Ich muss meine Eltern nicht retten. Ich darf unperfekt sein."

Paar im Sonnenuntergang

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7. FAQ – Häufig gestellte Fragen zum systemischen Ansatz in der Therapie


Muss immer die ganze Familie zur Therapie kommen?

Nein. Systemisch denken kann ich auch in Einzeltherapie. Ich berücksichtige das System, ohne dass alle anwesend sein müssen. Manchmal ist es hilfreich, andere einzuladen – aber kein Muss.

Wird bei systemischer Therapie keine individuelle Geschichte berücksichtigt?

Doch, sehr wohl. Aber sie wird im Kontext gesehen. Ihre persönliche Geschichte ist wichtig – und die Frage, wie sie mit aktuellen Beziehungsmustern zusammenhängt.

Ist systemische Therapie oberflächlich?

Nein. Die Arbeit kann sehr tiefgehend sein. Aber sie gräbt nicht endlos in der Vergangenheit, sondern nutzt Vergangenheit, um Gegenwart und Zukunft zu verstehen.

Wie lange dauert systemische Therapie?

Sehr unterschiedlich. Manche Themen klären sich in wenigen Sitzungen, andere brauchen Monate. Systemische Therapie ist oft kürzer als tiefenpsychologische Verfahren, aber länger als reine Kurzzeitinterventionen.

Was, wenn andere im System nicht mitmachen wollen?

Auch wenn nur einer kommt, kann sich das System verändern. Wenn Sie sich anders verhalten, reagieren andere anders. Das System ist vernetzt – Veränderung an einer Stelle beeinflusst das Ganze.

Ist systemische Therapie wissenschaftlich fundiert?

Ja. Es gibt umfangreiche Forschung zur Wirksamkeit systemischer Therapie, besonders bei Paar- und Familienproblemen. Sie ist in vielen Ländern als wissenschaftlich anerkanntes Verfahren zugelassen.

Kann systemische Therapie mit Medikamenten kombiniert werden?

Absolut. Bei manchen Störungen (z.B. schwere Depressionen, Angststörungen) kann die Kombination von Therapie und Medikation sinnvoll sein. Beides schließt sich nicht aus.

Gibt der Therapeut keine konkreten Ratschläge?

Systemische Therapeuten sind zurückhaltend mit Ratschlägen. Wir glauben, Sie sind der Experte für Ihr Leben. Wir helfen Ihnen, eigene Lösungen zu finden – die sind nachhaltiger als unsere Ratschläge.



8. Fazit: Der Weg zu einem stabilen Selbstwert


Der systemische Ansatz in der Psychotherapie bietet eine kraftvolle Perspektive auf menschliche Probleme. Statt isoliert auf Individuen zu schauen, berücksichtigt er Beziehungen, Kontexte, Wechselwirkungen.

 

Diese ganzheitliche Sicht ermöglicht oft Lösungen, die andere Ansätze übersehen. Wenn Sabines Burnout nicht nur ihre individuelle Belastbarkeit ist, sondern ein Systemmuster, können wir das System verändern. Wenn Leons Aggression eine Funktion hat, können wir diese Funktion anders erfüllen. Wenn Annas Perfektionismus ein transgenerationaler Auftrag ist, kann sie sich davon lösen.

 

Die Methoden – zirkuläre Fragen, Genogramme, Skulpturarbeit, Reframing – sind vielfältig und flexibel einsetzbar. Sie machen Unsichtbares sichtbar, öffnen neue Perspektiven, aktivieren Ressourcen.

 

Systemische Therapie ist kein Allheilmittel. Aber für viele Probleme – besonders solche, die mit Beziehungen zu tun haben – ist sie außerordentlich wirksam. Und selbst bei individuellen Themen hilft der systemische Blick, den größeren Kontext zu sehen.

 

Wenn Sie vor Herausforderungen stehen, die mit Beziehungen, Familie, Partnerschaft oder beruflichen Kontexten zu tun haben, könnte systemische Therapie genau der richtige Ansatz sein.


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9. Über mich: Psychotherapeut Mag. Christian Asperger


Paartherapeut Mag. Christian Asperger

In meiner Rolle als Psychotherapeut integriere ich meine langjährige Erfahrung aus meiner Praxis als Psychotherapeut sowie als Senior VP in Konzernen mit einer soliden Ausbildung in systemischer Psychotherapie und Coaching.


Mein Ansatz basiert auf dem Verständnis der Menschen im Kontext ihrer sozialen Beziehungen und der Konzentration auf das "Wie" gegenwärtiger Situationen. Ich betrachte Klienten als Experten ihrer eigenen Fälle und vermeide es, Themen zu vertiefen, die sie nicht aktiv einbringen.




Gerne unterstütze ich Sie in meiner Praxis in Wien, um die Arbeit mit Ihrem Thema zu starten. Gemeinsam finden wir Ihren individuellen Weg zu einer glücklichen Beziehung zu sich selbst zurück.







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