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Richtungen der systemischen Psychotherapie: Ein Vergleich

  • Autorenbild: Christian Asperger
    Christian Asperger
  • 13. Nov.
  • 7 Min. Lesezeit

Die systemische Psychotherapie ist heute eine der zentralen Säulen moderner Psychotherapie. Sie betrachtet nicht den Einzelnen isoliert, sondern im Kontext seiner Beziehungen – Familie, Partnerschaft, Arbeit und soziale Umgebung. Doch „die systemische Therapie“ gibt es nicht nur in einer Form.


Innerhalb des systemischen Denkens haben sich verschiedene Richtungen, Schulen und methodische Ansätze entwickelt. Dieser Artikel beleuchtet die wichtigsten davon, zeigt ihre theoretischen Hintergründe und erklärt, wie sie in der Praxis wirken.



Paar küss sich vor Schriftzug Sex


Richtungen der systemischen Psychotherapie: Ein Vergleich - Das Wichtigste in Kürze


  • Systemische Psychotherapie betrachtet Menschen in ihren sozialen Bezügen und Kommunikationsmustern.

  • Es gibt verschiedene Richtungen, die jeweils eigene Schwerpunkte setzen (strukturell, strategisch, narrativ, lösungsorientiert, hypnosystemisch u. a.).

  • Allen gemeinsam ist die Haltung, dass Symptome Sinn machen und in Beziehungsmustern verstanden werden müssen.

  • Die Wahl des Ansatzes hängt von der Thematik, den Klient:innen und der persönlichen Arbeitsweise des/der Therapeut:in ab.

  • Praxisbeispiele zeigen, wie die verschiedenen Richtungen konkret helfen können, festgefahrene Dynamiken zu verändern.

  • Systemische Arbeit ist praxisnah, ressourcenorientiert und betont Selbstwirksamkeit und Perspektivenvielfalt.

Inhalt



1. Was bedeutet „systemisch“ in der Psychotherapie?

Der Begriff „systemisch“ beschreibt ein Denken in Zusammenhängen und Wechselwirkungen. Anstatt Symptome als individuelle Defizite zu sehen, versteht die systemische Psychotherapie sie als Ausdruck von Beziehungen und Kommunikationsmustern.


Wenn jemand beispielsweise unter Angst oder Erschöpfung leidet, fragt die systemische Perspektive:

  • In welchem Kontext treten die Symptome auf?

  • Welche Funktion erfüllen sie im System?

  • Was wird durch das Symptom ermöglicht oder vermieden?


So kann z. B. eine depressive Stimmung in einer Familie unbewusst Stabilität herstellen – etwa indem sie Konflikte dämpft oder Fürsorge aktiviert.


Systemische Arbeit zielt darauf, diese Muster bewusst zu machen und neue, hilfreiche Interaktionsformen zu erproben. Dabei werden Ressourcen betont, Vielfalt von Wirklichkeiten anerkannt und Selbstorganisation gefördert.


2. Die wichtigsten Richtungen im Überblick

2.1 Strukturelle Richtung


Diese Richtung geht auf Salvador Minuchin zurück und fokussiert auf Familienstrukturen, Grenzen und Hierarchien.Die zentrale Annahme: Psychische Symptome entstehen oft, wenn die Grenzen zwischen Subsystemen (z. B. Eltern-Kind, Partnerschaft) unklar sind.


Therapieansatz:

  • Klärung von Rollen, Autorität und Nähe-Distanz-Mustern.

  • Durchführung von Familienaufstellungen im Raum, um Dynamiken sichtbar zu machen.

  • Arbeit mit klaren Interventionen („Eltern entscheiden gemeinsam über schulische Themen“).


Beispielhafte Themen: Patchwork-Konflikte, Loyalitätsprobleme, elterliche Überlastung.


2.2 Strategische Richtung


Begründet durch Jay Haley und Cloe Madanes, weiterentwickelt durch die Mailänder Schule (Mara Selvini Palazzoli).Hier liegt der Fokus auf Kommunikation und Einflussstrategien innerhalb von Systemen.


Therapieansatz:

  • Symptom wird als Teil einer Kommunikationsstrategie verstanden.

  • Therapeut:innen nutzen paradoxe Interventionen, Rituale und Hausaufgaben.

  • Ziel: Veränderung durch Irritation bestehender Muster.


Beispiel: Ein Paar streitet ständig. Statt zu sagen „Streiten Sie weniger“, wird vorgeschlagen, sich bewusst jeden Abend 10 Minuten zu streiten – dadurch verlieren die Konflikte ihre Macht.


2.3 Lösungsorientierte Kurzzeittherapie


Entwickelt von Steve de Shazer und Insoo Kim Berg.Dieser Ansatz ist stark ressourcen- und zukunftsorientiert. Probleme werden nicht analysiert, sondern Lösungen konstruiert.


Zentrale Fragen:

  • „Wann war das Problem weniger stark?“

  • „Woran würden Sie merken, dass es besser ist?“

  • „Was haben Sie getan, damit es manchmal gelingt?“


Techniken: Skalierungsfragen, Wunderfrage, Verstärkung von Ausnahmen.


Dieser Ansatz ist besonders effektiv in Coaching, Beratung und kurzen Therapieformaten.


2.4 Narrative Ansätze


Begründet von Michael White und David Epston.Die narrative Therapie geht davon aus, dass Menschen ihr Leben in Geschichten strukturieren. Wenn Probleme dominieren, entstehen „problemgesättigte Erzählungen“.


Therapieansatz:

  • Externalisierung („Das Problem ist das Problem, nicht die Person“).

  • Entwicklung alternativer Geschichten, in denen Klient:innen Handlungsmacht zurückgewinnen.

  • Bedeutungskonstruktion durch Sprache und Perspektivwechsel.


Beispiel: Anstatt zu sagen „Ich bin depressiv“, könnte jemand lernen zu formulieren: „Die Depression versucht, mir zu zeigen, dass ich zu viel Verantwortung trage.“


2.5 Hypnosystemischer Ansatz


Ein moderner Ansatz nach Gunther Schmidt, der hypnotherapeutische Prinzipien mit systemischem Denken kombiniert.Er nutzt die Trance- und Fokussierungsfähigkeiten des Menschen, um unbewusste Ressourcen zu aktivieren.


Therapieansatz:

  • Arbeit mit inneren Bildern, Symbolen und Imaginationen.

  • Förderung von Selbststeuerung und emotionaler Kohärenz.

  • Verbindung von Sprache, Körperwahrnehmung und Kontext.


Beispiel: Ein Klient erlebt Leistungsdruck. In einer hypnosystemischen Sitzung stellt er sich einen „inneren Berater“ vor, der Gelassenheit symbolisiert. Diese innere Figur begleitet ihn später auch im Alltag



Mann auf Couch in Psychotherapie


3. Wie Therapeut:innen Ansätze kombinieren

In der Praxis gibt es kaum „reine Lehren“.Systemische Therapeut:innen sind heute integrativ orientiert: Sie nutzen je nach Thema Elemente verschiedener Schulen.


Ein Beispiel:

  • Strukturelle Sicht hilft, Dynamiken zu verstehen,

  • lösungsorientierte Fragen fördern Selbstwirksamkeit,

  • narrative Techniken schaffen emotionale Distanz,

  • hypnosystemische Arbeit aktiviert Ressourcen.


Diese Flexibilität ist ein Markenzeichen systemischer Arbeit: Therapie wird als Dialog verstanden – zwischen Theorien, zwischen Perspektiven und zwischen Menschen. Mehr zu meiner persönlichen Arbeit finden sie hier.


4. Fallbeispiele aus der psychotherapeutischen Praxis

Fall 1: Der Familienknoten – Strukturelle und strategische Arbeit


Ausgangslage: Eine vierköpfige Familie sucht Hilfe, weil der 11-jährige Sohn häufig „ausrastet“. Die Mutter ist verzweifelt, der Vater zieht sich zurück.


Therapeutischer Prozess: n der Sitzung zeigt sich, dass der Sohn oft dazwischengeht, wenn die Eltern streiten. Aufgestellt im Raum, stehen Mutter und Sohn eng beieinander, der Vater weiter entfernt. Die Therapeutin erklärt: „Ihr Sohn hält das System zusammen, indem er den Konflikt abfängt.“


Mit Methoden aus der strukturellen Richtung wird an klareren Grenzen gearbeitet. Die Eltern üben, Konflikte ohne das Kind zu klären. Ergänzend kommen strategische Interventionen zum Einsatz: Der Vater erhält den Auftrag, regelmäßig kleine Entscheidungen zu übernehmen, um Verantwortung sichtbarer zu machen.


Ergebnis: Nach wenigen Wochen berichten die Eltern von weniger Eskalationen. Der Sohn wirkt entspannter, weil er nicht mehr „vermitteln“ muss. Das Familiensystem hat neue Balance gefunden.


Fall 2: Wenn Erfolg zur Erschöpfung wird – Hypnosystemisch und lösungsorientiert


Ausgangslage: Eine 38-jährige Unternehmensberaterin klagt über Schlafprobleme, Überforderung und innere Unruhe. Sie fühlt sich „ständig unter Strom“ und glaubt, „niemals genug zu leisten“.


Therapeutischer Prozess: In der hypnosystemischen Arbeit entsteht das Bild eines inneren Motors, der ununterbrochen läuft. Auf die Frage, wann sie diesen Motor schon einmal drosseln konnte, erinnert sie sich an Urlaube am Meer.


Mit einer Imagination lädt sie diese Erfahrung von Ruhe in den Körper ein – eine innere „Reset-Taste“. Gleichzeitig werden lösungsorientierte Fragen gestellt:„Woran würden Sie merken, dass Sie gut genug sind?“„Wie schaffen Sie es an Tagen, sich zu erholen?“

Diese Kombination hilft, neue Erfahrungen von Selbstwirksamkeit zu verankern.


Ergebnis: Nach mehreren Sitzungen berichtet die Klientin, dass sie bewusster Pausen setzt, Delegation übt und wieder Freude an ihrer Arbeit empfindet. Ihr Körper reagiert mit besserem Schlaf und weniger Anspannung.


Fall 3: Lebensgeschichten neu erzählen – Narrative und systemische Integration


Ausgangslage: Ein 50-jähriger Mann kommt in Therapie, nachdem seine Ehefrau sich getrennt hat. Er beschreibt sich als „Versager“ und hat Schwierigkeiten, die Trennung zu akzeptieren.


Therapeutischer Prozess: In der narrativen Arbeit erzählt er die Geschichte seiner Beziehung: von Aufopferung, Kontrolle und Enttäuschung. Gemeinsam mit der Therapeutin wird diese Geschichte externalisiert:„Wie nennt sich der Teil von Ihnen, der alles perfekt machen will?“Er antwortet: „Der Manager in mir.“


Durch den Dialog zwischen „Manager“ und „Mensch“ erkennt er, dass sein Kontrollverhalten einst Schutz war, heute aber Nähe verhindert. Anschließend wird mit hypnosystemischen Elementen gearbeitet: In einer Imaginationsreise begegnet er seinem jüngeren Selbst, das nach Anerkennung sucht.


Ergebnis: Der Mann beginnt, über seine Bedürfnisse zu sprechen, baut neue soziale Kontakte auf und beschreibt das Gefühl, „endlich wieder atmen zu können“. Seine Geschichte hat sich verändert – und mit ihr sein Selbstbild.


Paar im Sonnenuntergang



5. FAQ: Richtungen der systemischen Psychotherapie: Ein Vergleich – häufige Fragen und Antworten


Was ist systemische Psychotherapie in einfachen Worten?

Systemische Psychotherapie ist ein wissenschaftlich anerkanntes Verfahren, das den Menschen im Zusammenhang seiner Beziehungen sieht. Symptome werden nicht isoliert betrachtet, sondern als Ausdruck sozialer Dynamiken verstanden. Ziel ist es, neue Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Welche Richtungen der systemischen Psychotherapie gibt es?

Zu den wichtigsten gehören die strukturelle, strategische, lösungsorientierte, narrative und hypnosystemische Richtung. Jede hat ihren eigenen Schwerpunkt, gemeinsam ist ihnen der Blick auf Kommunikation, Beziehungsmuster und Ressourcen.

Worin unterscheiden sich die systemischen Richtungen voneinander?

Die Unterschiede liegen vor allem im Fokus:

  • Strukturell → Rollen, Grenzen, Familienstrukturen

  • Strategisch → Kommunikation und Musterunterbrechung

  • Lösungsorientiert → Ressourcen und Ausnahmen

  • Narrativ → Sprache und Bedeutungen

  • Hypnosystemisch → unbewusste Ressourcen und innere Bilder

Ist systemische Therapie auch als Einzeltherapie sinnvoll?

Ja. Auch wenn sie ursprünglich aus der Familientherapie kommt, ist die systemische Haltung in der Einzelarbeit sehr wirksam. Der Mensch wird als Teil seiner sozialen Systeme verstanden, auch wenn diese nicht physisch anwesend sind.

Wie lange dauert eine systemische Therapie?

Systemische Therapie ist oft zeitlich begrenzt. Viele Anliegen lassen sich innerhalb von 8 bis 20 Sitzungen klären. Der Fokus liegt auf konkreten Zielen und der Förderung von Selbstwirksamkeit.

Für welche Themen eignet sich die systemische Psychotherapie?

Typische Themen sind Beziehungsprobleme, Ängste, Depressionen, Konflikte in Familie oder Beruf, Burnout oder Selbstwertprobleme. Auch psychosomatische Beschwerden oder Lebensübergänge können systemisch gut bearbeitet werden.

Was sind die Vorteile der systemischen Therapie gegenüber anderen Methoden?

Sie arbeitet lösungs- und ressourcenorientiert, sucht nicht nach Schuld, sondern nach Sinn und Funktion. Dadurch entsteht eine Haltung von Respekt, Akzeptanz und Hoffnung, die Veränderung ermöglicht.

Ist die Wirksamkeit der systemischen Psychotherapie wissenschaftlich belegt?

Ja. In Österreich, Deutschland und der Schweiz ist sie ein anerkanntes Psychotherapieverfahren. Studien zeigen hohe Wirksamkeit bei Depression, Angst, Essstörungen, Burnout und familiären Belastungen.

Wie finde ich eine systemische Therapeutin oder einen systemischen Therapeuten?

In Österreich sind systemische Psychotherapeut:innen über die ÖBVP-Liste (Österreichischer Bundesverband für Psychotherapie) auffindbar. Achte auf den Eintrag „systemische Familientherapie“ als Fachrichtung.

Welche Rolle spielt die Haltung in der systemischen Arbeit?

Die Haltung ist zentral: Sie ist geprägt von Wertschätzung, Neugier, Respekt und der Überzeugung, dass Menschen selbst über die Ressourcen verfügen, die sie für Veränderung brauchen. Der/die Therapeut:in begleitet diesen Prozess auf Augenhöhe.



6. Fazit: Richtungen der systemischen Psychotherapie


Die Richtungen der systemischen Psychotherapie zeigen eindrucksvoll, wie vielfältig, lebendig und praxisnah dieser Ansatz ist.Ob strukturell, strategisch, narrativ oder hypnosystemisch – alle Richtungen eint der Gedanke, dass Veränderung möglich ist, wenn man Beziehungen neu versteht.


Systemische Therapie ist damit nicht nur eine Methode, sondern eine Haltung: Sie sieht Menschen nicht als „Problemträger“, sondern als Teil eines Systems, das lernen, wachsen und sich selbst heilen kann.


Wenn Sie die Halterung der systemischen Psychotherapie anspricht und Sie sich Unterstützung wünschen, lade ich Sie herzlich ein, Kontakt mit meiner Praxis in Wien aufzunehmen. Gemeinsam können wir herausfinden, was Ihr Beleidigtsein Ihnen zeigen möchte – und wie daraus wieder echte Verbindung entstehen kann.




7. Über mich: Psychotherapeut Mag. Christian Asperger


Paartherapeut Mag. Christian Asperger

In meiner Rolle als Psychotherapeut integriere ich meine langjährige Erfahrung aus meiner Praxis als Psychotherapeut sowie als Führungskraft in Konzernen mit einer soliden Ausbildung in systemischer Psychotherapie und Coaching.


Mein Ansatz basiert auf dem Verständnis der Menschen im Kontext ihrer sozialen Beziehungen und der Konzentration auf das "Wie" gegenwärtiger Situationen. Ich betrachte Klienten als Experten ihrer eigenen Fälle und vermeide es, Themen zu vertiefen, die sie nicht aktiv einbringen.




Gerne unterstütze ich Sie in meiner Praxis in Wien, um die Arbeit mit Ihrem Thema zu starten. Gemeinsam finden wir Ihren individuellen Weg zu einer glücklichen Beziehung zu sich selbst zurück.







 
 
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