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Mag. Christian Asperger

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Zu-Hören im Zeitalter der individuellen Wende

Im Kommunikationsprozess wird zwar allgemein das Zu-Hören als Tugend gehandelt, gleichzeitig aber im Bereich der Gesprächsführung ein hoher Redeanteil als (führungs-)stark postuliert. Kann so das Zuhören dann überhaupt als Handlungsmacht wahrgenommen werden?



Willkommen zu meinem Blog. Derzeit beschäftigt mich der gesellschaftliche Diskurs rund um das immer wieder postulierte (inter-)aktive Zuhören. Was genau verstehen wird darunter und wie passt diese in vielen Lebenslagen geforderte Eigenschaft zu einer stark auf Gestaltung und Individualisierung ausgerichtete Gesellschaft? Dazu bin ich auf einen interessanten Artikel von Ulrike Meier gestoßen.


“In vielen gesellschaftlichen Kontexten erscheint das Zuhören als vergleichsweise schwache kommunikative Geste.”

#Beziehung #Kommunikation #Perspektivenwechsel #Resonanz #Zuhören



Kollektives Hörversagen? Gesellschaftliche Implikationen des Zuhörens


Im gesellschaftlichen Diskurs steht das Zu-Hören als "kommunikative Tugend" hoch im Kurs. Gleichzeitig wird aber in vielen anderen gesellschaftlichen Kontexten das Zuhören als vergleichsweise "schwache" kommunikative Geste verstanden. Als (führungs-)stark oder auch charismatisch gelten jene Personen, die scheinbar viel zu erzählen haben. Dieses Phänomen ist in der Wirtschaft, der Politik aber auch im privaten Umfeld beobachtbar. Empathisches Zuhören hingegen gilt allgemein eher als schwach.


Wird das spezifische Potential des Zu-Hörens thematisiert, stellt sich die Frage, was es heißt eigentlich "gut" oder "richtig" zuzuhören? Wir unterscheiden das Hören vom Zuhören, sprechen auch vom aktiven oder auch kompetenten Zuhören. Doch wo genau liegt hier der Unterschied? Man könnte meinen, kompetentes Zuhören hat mit Verständnis zu tun. Doch das Verstandene orientiert sich wiederum viel an den eigenen Denkstrukturen und Interpretationen. Die Sprache verrät, was in den Gehirnen der Gesellschaft vor sich geht. Doch nicht nur was wir sagen, sondern auch, was wir heraushören, was wir überhören oder nicht hören wollen, spiegelt Aspekte unserer Persönlichkeit, unserer Erfahrung, unserer Biographie oder unserer Kultur wider. Mit dem, was wir "verstehen", begegenen wir nicht nur dem "Anderen", sondern wir begegnen vor allem uns selbst.


Mit diesen Überlegungen möchte ich Sie nun einladen auf die eigene Wahrnehmung der individuellen Hörerwartung einzugehen. Jeder Mensch hat einen individuellen Wahrnehmungsfilter. Das Gehörte vor diesem Filter wird somit auch die Voraussetzung für das Verstandene. Das Ungehörte wird weggefiltert. So überhören wir etwa bewusst unerwünschte Geräusche, vielleicht aber auch unfreundliche Bemerkungen. Manches bleibt auch ungehört, weil es nie gesagt wurde. Zwischen dem Gehörten und dem Verstandenen liegt noch ein imaginärer Raum der Resonanz. Hier erfolgt die Verständigung allerdings nicht nur über die gesprochenen Worte, sondern auch über ein imaginäres Spannungsfeld, welches den Prozess des Verstehenes und der Verständigung sehr beeinflussen und dynamisieren kann.


Das Verstandene gründet demnach nicht nur auf dem Vollzug der Worte alleine, sondern auch auf wechselseitigen Spiegelungen und Imaginationen, die im Moment der Begegnung entstehen. Diese können sich zu größerer Komplexität verdichten, als anregend oder störend, als angenehm oder unangenehm, als Freude oder Ärger, als Sympathie oder Antipathie erlebt werden. Zumeist sind diese Impulse wichtige "Metainformationen" und können sich auf das Ungehörte unter dem Wahrnehmungsfilter beziehen.


Aufgrund solcher Spiegelungsprozesse kann der Moment der Begegnung und somit das Zuhören als ein Resonanzgeschehen ausgemacht werden. Es ist der Moment, in dem sich das unspezifische Hören in ein bezogenes Zuhören wandelt. Doch in Momenten der Resonanz zeigen sich nicht nur Potentiale des Zuhörens, sondern es ergeben sich auch Möglichkeiten des kommunikativen Handelns.


Wodurch unterscheiden sich Sprechen und Zuhören dann eigentlich? Ich möchte Sie dazu auf ein Gedankenexperiment einladen. Stellen Sie sich vor, dass ich den Text, den Sie nun gerade lesen, nun vorlesen würde und Sie hören zu. Aus meiner Perspektive wäre dies ganz klar ein Sprechakt, aus Ihrer Perspektive wäre es jedoch ein Hörakt. Die Schlussfolgerung daraus wäre, dass ein Hörakt gleichzeitig auch immer ein Sprechakt sein muss. Wenn nun der Hörakt des Einen zugleich auch der Sprechakt des Anderen ist, sind auch "Sender" und "Empfänger" nicht mehr eindeutig fassbar und alles wird somit zu einer Frage der Perspektive.


Als weiterführende Exploration zum Thema "Zuhören - Eine vergessene Kunst" habe ich einen sehr interessanten Podcast Beitrag kürzlich auf SWR2 gefunden. Hier der Link zum Nachhören:


https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/zuhoeren-eine-vergessene-kunst/-/id=660374/did=23946420/nid=660374/bphv88/index.html


* Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit verwende ich abwechselnd die weibliche oder männliche Form. Männer und Frauen sind natürlich gleichermaßen angesprochen.

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