• Christian Asperger

Unsere Vorurteile gegenüber einer Psychotherapie

Aktualisiert: Apr 27

Menschen suchen zunehmend Hilfe bei psychischen Problemen. Trotzdem scheint es für manche noch ein stärkeres Tabu zu sein, ihren Gefühlen ausreichend Raum und Zeit unter professioneller Hilfestellung zu geben. Was sind die Top-Gründe oder auch Vorurteile gegen den Beginn einer Psychotherapie?

Vorurteile gegenüber einer Psychotherapie


Unsere Gesellschaft befindet sich zweifelsohne in einem Wandel. In den Medien wird öfters über psychische Erkrankungen und deren Auswirkungen berichtet. Einige bekannte Persönlichkeiten gingen öffentlich in Interviews oder Büchern auf ihre psychischen Probleme ein. Trotzdem scheint es in vielen Bereichen unserer Leistungsgesellschaft immer noch ein Tabu zu geben. Gerade am Arbeitsplatz ist die Angst vor einer eventuellen Stigmatisierung noch sehr groß. Wie reagiert mein Umfeld auf mich, wenn ich mit psychischen Belastungen nicht mehr alleine zurecht komme? Wen kann ich um Hilfe bitten und wer soll oder darf davon Bescheid wissen? Und selbst wenn ich mich dazu entschieden habe professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, halten sich immer noch hartnäckig einige Mythen und Vorurteile hinsichtlich des Beginns einer Psychotherapie.


#Mythen #Psychotherapie #Stereoptypenn #Tabuthemen #Vorurteile



Die Top 5 - Mythen über eine Psychotherapie


1.) Psychotherapie ist nur für "Irre"


Ein weit verbreiteter Glaube ist, Psychotherapie wäre nur etwas für "Geisteskranke". Nur jemand, der als Mensch auf so gut wie allen Ebenen versagt hat und dazu auch noch "ein paar Schrauben locker hat" sollte zu einem Psychotherapeuten gehen. Aber ist in Wahrheit nicht jeder von uns ein bisschen verrückt, wenn wir einmal in eine Situation kommen, die uns so überfordert, dass wir mit unseren bisher erlernten Bewältigungsstrategien nicht mehr weiter kommen und so mit Angst, Panik, Scham, Wut oder Trauer anders als gewohnt reagieren? Es ist nicht ein Makel oder unsere "verrückte" Persönlichkeit, sondern unser Mensch-Sein, das uns für eine Psychotherapie zugänglich machen sollte. In diesem Sinne könnte man auch tatsächlich sagen unsere Sinne, Wahrnehmungen oder Gefühle können auch mal ein stückweit "ver-rückt" sein und es kann hilfreich sein in dieser Zeit professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.


2.) Psychotherapie ist "Luxus"


Oftmals wird Psychotherapie als "Luxusgut" vorbehalten für die obere Schicht gesehen, um sich noch mehr mit sich selbst beschäftigen zu können. Nun ist es natürlich Ansichtssache, welche Güter oder Dienstleistungen als Luxus bezeichnet werden - für manche ist es der Ski-Urlaub, Schmuckstücke, der Personaltrainer oder der Besuch im Kosmetikstudio. Oft bezeichnen wir allerdings eher jene Dinge als Luxus-Güter, zu denen wir weniger Bezug oder Interesse haben. Psychotherapie kann man sich auch als eine Reise nach Innen vorstellen. Dabei werden neue Perspektiven auf sich und die Welt ermöglicht. Meistens gibt es für den Antritt der Reise einen konkreten Anlassfall. Doch wie bei jeder Reise gibt es auch am Weg viel Neues zu entdecken und man macht eindrückliche Begegnungen mit nachdrücklichen Auswirkungen. Insofern kann man eine Psychotherapie-Stunde auch als Raum und Zeit für sich selbst sehen.


3.) Psychotherapie formt "Egoisten"


Ein weiterer Aspekt ist die Sorge, dass uns eine Psychotherapie noch egozentrischer und weniger zugänglich für andere machen könnte. Ja, eine Psychotherapie sollte Raum und Zeit zur Auseinandersetzung mit uns selbst geben. Dabei geht es vor allem um die Stärkung des eigenen Selbstwerts, die Akzeptanz oder die Integration von eigenen Anteilen, mit denen wir bisher vielleicht noch gar nicht in Kontakt gekommen sind oder die wir bisher an uns eher abgelehnt hatten. So gesehen, denke ich, müssen wir zwischen einer gesunden Selbstliebe oder Fürsorge und einer überzogenen Egozentrik unterscheiden. Gerade in der systemischen Psychotherapie spielen die Beziehungen zu unserem Umfeld sowie unseren Ressourcen eine zentrale Rolle. Idealerweise können sich dadurch aber neue Perspektiven auf uns und unsere Beziehungen ergeben, die auch zu einem Wandel der Sicht auf die Dinge und einer Öffnung gegenüber unserem Umfeld mit sich bringen kann.


4.) In einer Psychotherapie muss ich ständig über meine Kindheit sprechen


Ein weit verbreiterter Mythos ist das Bild einer auf einer Couch liegenden Person, die unangenehme Fragen zu Erlebnissen in der Kindheit beantworten muss. Hierzu ist einerseits festzuhalten, dass in den meisten Therapierichtungen im Sitzen gearbeitet wird und andererseits gerade in der systemischen Psychotherapie das eigenen Erleben im Hier und Jetzt im Mittelpunkt stehen. Gemäß dem Zitat eines Mitbegründers der systemischen Familientherapie (Steve de Shazer) -"if it´s not broken, don´t try to fix it" - sehen wir unsere Klienten als Experten und werden daher auch kein Thema tiefer ergründen, welches nicht aktiv eingebracht wird. Auch der Name Familientherapie mag insofern missverständlich verstanden werden, da es weder zwangsläufig alle Familienmitglieder in der Therapie selbst, noch eine tiefgründige Analyse der Herkunftsfamilie oder der eigenen Kindheit benötigt. Im Kern der systemischen Haltung geht es darum, Menschen im Kontext ihrer sozialen Beziehungen (Familie, Partnerschaft, Kollegen, Freunde) zu verstehen. Die Interaktion zwischen den Personen steht dabei im Zentrum.


5.) Psychotherapie ist langwierig mit einem unsicheren Ausgang


Manche Leute denken bei einer Psychotherapie an einen jahrelangen Prozess mit mehreren Sitzungen pro Woche. Nun muss man erwähnen, dass Psychotherapie nicht gleich Psychotherapie ist. Je nach Richtung des Fachgebiets gibt es unterschiedliche Richtwerte hinsichtlich Intervall und Länge einer Psychotherapie. In der systemischen Psychotherapie gibt es sowohl Kurz- (etwa 5-10 Sitzungen) als auch Langzeit-Therapien (etwa 20-50 Sitzungen). Dabei kann das Intervall zwischen den einzelnen Sitzungsterminen 7 oder 14 Tage betragen. Hinsichtlich dem Erfolg bzw. dem Grad der subjektiv vom Klienten wahrgenommenen Veränderung gibt es zahlreiche wissenschaftliche Studien. Als Faustregel hat sich aber die "Drittel-Regel" in der Empirie sehr bewährt. So sagt man allgemein, dass etwa 2/3 des Erfolgs einer Psychotherapie auf die Beziehung zwischen Klient und Therapeut und 1/3 auf die Fachrichtung bzw. den Einsatz der konkreten Methoden zurückzuführen ist. Umso wichtiger ist es, in der Rolle als Klient auch auf das eigene Gefühl des Fortschritts im therapeutischen Prozess zu vertrauen und entsprechende Wahrnehmungen an den Psychotherapeuten zurück zu melden.


Wie aber kann uns eine Psychotherapie dann wirklich verändern?


Wenn der Prozess einer Psychotherapie für uns tatsächlich gut laufen würde, welche Veränderungen würde uns dann erwarten?


Wir werden immer noch öfters unglücklich sein. Wir werden uns immer noch manchmal unverstanden fühlen. Es wird immer noch Dinge oder Ziele geben, die wir nicht erreicht haben. Wir werden uns immer noch manchmal alleine fühlen und die Psychotherapie wird uns auch nicht vor neuerlichen Erkrankungen oder gar dem Verlust nahestehender Menschen und der damit verbundenen Trauer bewahren. Psychotherapie wird unser Leben auch nicht besser machen als es in Wirklichkeit ist.


Warum aber soll man sich dann bitte auf eine Psychotherapie überhaupt einlassen? Was kann sie uns wirklich bringen?


1.) Wir werden etwas mehr Freiraum bekommen


Ein Kernelement unserer eigenen Unzufriedenheit ist unsere starre Sichtweise auf bestimmte Gegebenheiten und die damit verbundenen limitierten Reaktionen und Handlungsmöglichkeiten. Je besser wir unsere bisherigen Verstrickungen und Handlungsmuster verstehen, desto mehr Möglichkeiten haben wir in Zukunft anders zu reagieren. Je sicherer wir uns selbst fühlen, umso eher können wir uns auf Neues einlassen.


2.) Wir kennen uns selbst besser und können uns auch bessere ausdrücken


Haben wir uns erst einmal in einem geschützten Raum über unsere tiefsten Wünsche und Ängste ausgetauscht, fällt es uns in Zukunft auch leichter damit in Gegenwart anderer Menschen umzugehen. Gestützt durch diese Erfahrung können wir auch besser ausdrücken, wie sich bestimmte Dinge für uns anfühlen. Anstelle von Flucht (in Alkohol, Drogen, Arbeit, Sport oder andere Abhängigkeiten) oder hoch emotionelle Streitigkeiten (mit unserem Partner, unseren Kindern oder unserem Chef) können so andere Interaktonsmöglichkeiten treten.


3.) Wir werden einfühlsamer


Durch eine Psychotherapie können wir erkennen, welche Beziehungen in der Vergangenheit eventuell nicht so förderlich gewesen sind. Eine natürliche Reaktion wäre den betreffenden Personen entsprechende Vorwürfe zu machen. Eine reifere und versöhnlichere Reaktion könnte aber auch das Erkennen der Unzulänglichkeiten und auch das Bemühen der betreffenden Personen in der jeweiligen Situation sein. So können lang zurückliegende, offene Wunden eine heilsame Erfahrung machen und tief sitzende Gefühle transformiert werden.



* Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit verwende ich abwechselnd die weibliche oder männliche Form. Männer und Frauen sind natürlich gleichermaßen angesprochen.

0 Ansichten

Kontakt

Mag. Christian Asperger

Systemischer Coach &

Psychotherapeut in Ausbildung unter Supervision

 

Praxis 1020 Wien

Mühlfeldgasse 3/4.Stock/Tür29

Praxis Oberpulllendorf / 7344 Stoob-Süd

Mitterwald 56 

​​

Tel: 0676 516 4775

contact@christianasperger.com

  • YouTube
  • Instagram
  • LinkedIn Social Icon

© 2019 | Mag. Christian Asperger