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Paare gefangen im "Kreislauf der Verletzungen" - Auswege aus der Sackgasse

Aktualisiert: Apr 26

Immer wieder erleben Paare einen ähnlichen Ablauf in Streitgesprächen bis sie an einen toten Punkt gelangen. In Paartherapien bietet der "Kreislauf an Verletzungen" ein möglicherweise hilfreiches Konstrukt als Ausweg.

Mag. Christian Asperger | Coaching, Psychotherapie, Paartherapie

Häufig kommen Paare zu mir in die Praxis, die sich durch eingespielte Muster und Machtkämpfe polarisiert haben. Dadurch haben sie sich immer weiter voneinander entfernt und geraten in Konflikten immer wieder in die gleiche Sackgasse. Im heutigen Beitrag möchte ich eine Methode vorstellen, die hilfreich sein kann um zu verstehen, welche Interaktionen und Dynamiken Paare immer wieder in diese Sackgasse gelangen lassen.


Im Mittelpunkt dieser Idee steht das Konstrukt des Vulnerabilitätskreislaufes. Unter dem Begriff Vulnerabilität verstehen wir eine Verletzbarkeit, die Menschen aus ihrer Lebensgeschichte oder aus einem aktuellen Kontext aufweisen. Verwundbare Stellen können die Folge traumatischer Ereignisse sein, chronische Muster aus der Ursprungsfamilie oder Relikte aus früheren oder der aktuellen Beziehung. Beispiele dafür können Gewalt, Missbrauch, Treuebruch, Schutz- oder Hilflosigkeit und vieles mehr sein. Wenn in der Paarbeziehung verwundbare Stellen berührt werden, antizipiert der betroffene Partner schmerzliche Erfahrungen. Es kann so zu einer Überschneidung von Bedeutungen aus zwei unterschiedlichen Kontexten kommen.


Als Schutz haben sich Menschen mit traumatischen Erfahrungen über Jahre ihre höchst individuellen Überlebensstrategien angeeignet um mit ihren verwundbaren Stellen umgehen zu können. Dazu gehören Glaubenssätze wie "du kannst dich nur auf dich selbst verlassen" oder "traue keinem Mann / keiner Frau".


"Sei immer stark und zeige keine Schwächen."

Eine Überlebensstrategie kann aber auch eine zum eigenen Schutz antrainierte Haltung, wie z.B. Sarkasmus, übertriebene Fürsorge oder die Abwertung anderer Menschen sein. Wenn in einer Paarbeziehung verwundbare Stellen gereizt werden, fühlen sich Partner zutiefst gekränkt. Die gespeicherte Überlebensstrategie wird automatisch aktiviert. Der Mangel an Sensibilität dem Partner gegenüber löst dessen Verletzbarkeit aus und bringt dessen automatische Selbstschutzstrategie hervor. In diesem Moment beginnt der Kreislauf.


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Der Kreislauf an Verletzungen


Um zu verdeutlichen wie ich dieses Instrument in meiner Praxis einsetze, möchte ich dies an einem fiktiven Beispiel demonstrieren. Nehmen wir an, ein Paar - Roman (40) und Alexa (32) - kommt in die Praxis, da sie in ihren Konflikten immer wieder an einen toten Punkt kommen. Sie befinden sich dann in ihrer Sackgasse. Die beiden kennen einander bereits seit 3 Jahren, wohnen zusammen und planen eigentlich demnächst zu heiraten. Zuletzt gab es aber Zweifel wegen Romans heftiger Eifersucht und so eskalierten die Streits immer mehr.


Im Gespräch finden wir heraus, dass die Probleme vor etwa 4 Monaten begonnen haben als Alexa einen neuen Job antrat. Alexa verbringt seither viel Zeit im Büro und kam in letzter Zeit abends auch immer erst später heim. Roman fühlte sich vernachlässigt und von Alexa zurückgewiesen. Er beklagte sich, dass Alexa sich nicht mehr so oft telefonisch melden und weniger Nachrichten schreiben würde. Sie wäre für ihn nicht erreichbar und vergesse auch ihn zurückzurufen, obwohl sie ihm dies versprochen hätte. Ihre Verhaltensweise empfand Roman als Vertrauensbruch. Er befürchtete, dass ihn Alexa überflügeln würde und sie sich jemand anderem, jemand erfolgreicherem, zuwenden könnte.


Für Alexa wiederum lag das Problem darin, dass sie sich in ihrem neuen Job unter Druck gesetzt fühlte und Roman ihr dafür wenig Verständnis entgegen bringen würde. Sie fühlte sich durch seine Anschuldigungen eingeschüchtert und nicht in der Lage etwas entgegen zu setzen. Im Laufe der Therapie stellte sich heraus, dass Alexa überfordert war und deshalb vergesslich wurde. Während Roman auf ihre Anrufe wartete, löste dies bei ihm ein Angstgefühl aus, verlassen und betrogen zu werden. Wenn er damit dann Alexa konfrontierte, wurde diese noch ängstlicher und zog sich zurück. Roman wurde wütend und Alexa begann zu weinen bis es zum Eklat kam. Danach versöhnten sie sich wieder bis zu dem Moment als Alexa Roman scheinbar wieder nicht beachtete und der Kreislauf von Neuem begann.


In den weiteren Gesprächen der Paartherapie konnten sich beide auf den Prozess einlassen und reflektieren, weshalb sie immer wieder in gleiche Sackgasse kommen. Roman konnte erzählen, dass er im Teenageralter seine Mutter durch eine Krebserkrankung verlor und dadurch große Verlustängste hätte. Alexa auf der anderen Seite berichtete von der emotionalen Distanz ihrer Eltern. Sie musste daher sehr früh lernen unabhängig zu sein, konnte mit ihren Eltern keinen Konflikt klären und zog sich daher immer zurück. Alexa hatte durch ihre geringere Präsenz bei Roman dessen Verlassensängste getriggert. Dies wiederum aktivierte Romans Überlebensstrategie "Misstrauen und Wut". Durch seine Beharrlichkeit fühlte sich Alexa bedrängt und aktivierte ihre Überlebensstrategie "Rückzug".





Im Fokus der Paartherapie steht somit die gemeinsame Erkundung dieser Muster und Abläufe. Im Dialog mit dem Therapeuten werden Verletzungen sichtbar und Reaktionen ein stückweit mehr verstehbar. Im nächsten Schritt wäre es hilfreich den Kreislauf zu stoppen, sobald einer der beiden Partner dessen Aufkeimen erkennen kann. Dazu überlegen sich Paare gerne eine passende Bezeichnung oder ein Codewort. Ein spanisch sprechendes Paar einigte sich einmal auf "el diablo", was ich als sehr treffend empfand. Sobald der Kreislauf und damit die Dynamik an Verletzungen gestoppt wurde, konnte das Paar wieder auf einer anderen Ebene in Kontakt treten.


* Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit verwende ich abwechselnd die weibliche oder männliche Form. Männer und Frauen sind natürlich gleichermaßen angesprochen.

Kontakt

Mag. Christian Asperger

Systemischer Coach &

Psychotherapeut in Ausbildung unter Supervision

 

Praxis

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